Sein Denken prägte die Debatten der Bundesrepublik
ZDF
Der Philosoph Jürgen Habermas ist tot. Sein Denken über Demokratie, Öffentlichkeit und Diskurs prägte die Bundesrepublik über Jahrzehnte.
Er war der bekannteste deutsche Philosoph der Gegenwart und prägte die Debatten der alten Bundesrepublik. Nun ist Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren gestorben. Bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte 2018, der Verleihung des deutsch-französischen Journalistenpreises, war der streitbare Geist noch ganz in seinem Element. "Ich bin der Auffassung, dass die politischen Eliten und an erster Stelle (...) die verzagten sozialdemokratischen Parteien ihre Wähler normativ unterfordern", sagte der Philosoph Jürgen Habermas damals. Die EU sah er getrieben vom Diktat der Märkte: "Heute werden die nationalen Bevölkerungen von politisch unbeherrschten Imperativen eines weltweit von unregulierten Finanzmärkten angetriebenen Kapitalismus überwältigt." Europa war seine Leidenschaft: Sein Biograf Stefan Müller-Doohm hielt Habermas Zeit seines Lebens für eine Ausnahmeerscheinung: "Weil er als Philosoph den Elfenbeinturm verlässt und das Wort ergreift, wenn es darum geht, Demokratie zu verteidigen." Habermas habe auf "kommunikative Macht", die auf dem "zwanglosen Zwang des besseren Arguments" beruht, gesetzt. Ausgangspunkt seines Denkens: der Zivilisationsbruch des Holocaust. Als Student kritisierte Habermas 1953 Martin Heidegger, der in den 1930er-Jahren in einer Vorlesung von der "inneren Größe" des Nationalsozialismus sprach und diese nach dem Krieg unkommentiert veröffentlichte. Die Sorge vor einem Rückfall in alte Mentalitäten verband ihn mit Theodor W. Adorno, der Habermas 1956 ans Frankfurter Institut für Sozialforschung holte. "Das liegt ihm am Herzen als jemand, der nach 1945 das Bewusstsein ausgebildet hat, in einem kriminellen System gelebt zu haben - und dass sich das, was Auschwitz war, nicht nochmal wiederholen darf", so Müller-Doohm. 1929 geboren, wuchs Habermas mit den Schrecken der NS-Zeit auf. Traumatische medizinische Eingriffe wegen einer Sprachbehinderung prägten seine Obsession für kommunikative Verständigung.













