
EZB hält Leitzins konstant trotz steigender Rohstoffpreise
Süddeutsche Zeitung
Auf Europa und die Welt rollt wegen des Iran-Krieges eine Inflationswelle zu. Benzinpreise sind derzeit der Anfang, später drohen steigende Nahrungsmittelpreise. Die EZB wartet dennoch mit einer Leitzinserhöhung.
Trotz rasant gestiegener Rohstoffpreise belässt die Europäische Zentralbank (EZB) ihren wichtigsten Leitzins unverändert bei 2,0 Prozent. Die Entscheidung wurde erwartet. Allerdings ist angesichts der militärischen Auseinandersetzung in und um Iran der Druck auf die Notenbank gewachsen, zügiger die Leitzinsen anzuheben, um einen weiteren Inflationsschock nach 2022 zu unterbinden. Im Februar lag die Inflationsrate im Euroraum noch bei 1,9 Prozent und damit im Zielbereich der EZB, die mittelfristig eine Rate von zwei Prozent anstrebt.
Der Krieg von USA und Israel gegen Iran hat die Preise für Gas und Öl um 40 bis 50 Prozent nach oben getrieben. Die wichtigste Ursache: Iran hat den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus praktisch gestoppt. Die Meerenge südlich Irans gilt als die wichtigste Ölhandelsroute der Welt. Sollte die Passage für mehrere Monate geschlossen bleiben, könnten die Ölpreise auf 150 bis 200 US-Dollar je Barrel steigen. Gegenwärtig notiert der Preis für Brent-Rohöl bei etwa 110 Dollar. „Wir werden mindestens zwei Arten von Preisschüben sehen, im ersten sind wir mittendrin, das ist der Anstieg der Benzinpreise. Es könnten dann auch die Nahrungsmittelpreise steigen und durch Lieferkettenverzögerungen drohen weitere Anstiege“, warnte Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der niederländischen Bank ING im Deutschlandfunk. „Deutschland muss sich auf drei bis vier Prozent Inflation einstellen“, sagte Brzeski.
Die EZB und andere Notenbanken stehen vor einer heiklen Aufgabe. Würden sie den Leitzins erhöhen, bräuchte es typischerweise ein ganzes Jahr, bis die preisdämpfende Wirkung der Maßnahme die gesamte Wirtschaft durchdringt. Allerdings können Rohstoffpreise stark schwanken. Auf Basis hoher, aber volatiler Rohstoffpreise den Leitzins zu justieren, birgt für Zentralbanken das erhebliche Risiko, völlig falschzuliegen. Die reine ökonomische Lehre empfiehlt daher, dass Zentralbanken einen solchen Angebotsschock aussitzen sollten, weil die Geldpolitik dagegen nur wenig ausrichten kann. Entscheidend ist die Frage, ob sich die hohen Preise für Rohstoffe auf den gesamten Produktionsprozess auswirken. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits.
Auch ein Drittel des globalen Handels mit Düngemitteln läuft über die Straße von Hormus. Dies betrifft sowohl fertige Düngemittel als auch das für deren Produktion benötigte Flüssigerdgas und Vorprodukte wie Ammoniak, oder Schwefel. Qatar Energy hat die Erzeugung in der weltgrößten Harnstoffanlage eingestellt. In Indien, einem der wichtigsten Abnehmer, mussten mehrere Anlagen ihre Produktion drosseln. Bangladesch hat vier seiner fünf Düngemittelfabriken geschlossen. Brasilien, das fast seinen gesamten Harnstoffbedarf importiert, bezieht knapp die Hälfte davon über die Straße von Hormus. Selbst in den USA berichten Landwirte von leeren Regalen: Dort fehlen etwa 25 Prozent der für diese Jahreszeit üblichen Lieferungen. Wenn die Energiepreise steigen, gehen die Preise für Dünger und Pestizide hoch. Und später dann auch – je nachdem, wie stark dieser Schock ist – die Nahrungsmittelpreise.
Europas Notenbank möchte unbedingt verhindern, dass sie auf eine mögliche neue Inflationswelle zu spät reagiert. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 stand die EZB in der Kritik, den damaligen Preisanstieg lange unterschätzt zu haben. Die Inflation im Euroraum schnellte zeitweise auf mehr als zehn Prozent nach oben. Damals wie heute stehen Zentralbanken vor der Frage, wann der richtige Zeitpunkt für Leitzinserhöhungen ist. Hohe Leitzinsen sind politisch unbeliebt, denn sie würden das ohnehin maue Wirtschaftswachstum dämpfen. Zudem würden sich dadurch die Kosten für die Staatsverschuldung erhöhen. Wie die EZB beließ auch die amerikanische Notenbank Federal Reserve am Mittwoch den Leitzins unverändert in der Spanne von 3,5 bis 3,75 Prozent. Fed-Chef Jerome Powell sagte, dass die höheren Energiepreise die Inflation kurzfristig in die Höhe treiben würden. „Es ist jedoch noch zu früh, um das Ausmaß und die Dauer der potenziellen Auswirkungen auf die Wirtschaft abzuschätzen.“













