
Lufthansa geht auf Piloten zu
Süddeutsche Zeitung
Im festgefahrenen Streit um die Betriebsrenten macht die Fluggesellschaft einen unerwarteten Vorschlag. Unklar ist, ob die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit darauf eingeht.
In den vergangenen Tagen ging es vor allem um die Deutungshoheit. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) fand die zwei Streiktage Ende der vergangenen Woche ziemlich effektiv, weil Arbeitgeber Lufthansa so viele Flüge hat streichen müssen und nur einen Teil des geplanten Programmes tatsächlich anbieten konnte. Die Fluggesellschaft wiederum wies darauf hin, dass es doch ganz schön viele Freiwillige gegeben habe, die ihr geholfen haben, an den beiden Tagen wenigstens die Langstrecke einigermaßen abzudecken. So ist das eben in Tarifkonflikten.
Was sich allerdings nicht abzeichnete, war irgendeine Form von Bewegung in der Auseinandersetzung, in der es formal um die Betriebsrenten geht, tatsächlich aber wohl eher um Grundsätzlicheres. Immerhin haben die Piloten deutlich gemacht, dass sie weiter streiken werden, wenn es vom Unternehmen gar kein Angebot gibt, über das die beiden Seiten reden könnten. Und siehe da – die Lufthansa hatte eine Idee: Warum nicht die Übergangsversorgung und die Betriebsrenten zusammenlegen?
Die Konstruktion der Lufthansa-Altersversorgung ist für Außenstehende schwer durchschaubar. Gemäß der bisherigen Regel können die Besatzungen der Kernmarke Lufthansa Airlines und Lufthansa Cargo mit 55 Jahren in die sogenannte Übergangsversorgung gehen. Sie bekommen dann 60 Prozent ihres Gehaltes, bis sie für die gesetzliche Rente alt genug sind. Früher, als man noch vergleichsweise schnell Kapitän wurde und entsprechend sehr gut verdiente, war es ziemlich attraktiv, früher aufzuhören. Lufthansa argumentiert nun, dass viele Piloten sowieso länger fliegen wollen. Und wer die Übergangsversorgung nicht nutzt, hat nichts davon.
Der aktuelle Konflikt dreht sich aber um die Betriebsrenten. 2017 haben sich die VC und Lufthansa darauf geeinigt, das Modell von garantierten Auszahlungen (Defined Benefit) auf garantierte Beiträge (Defined Contribution) umzustellen. Das Zinsrisiko der Anlagen trägt seither nicht mehr das Unternehmen, sondern jeder Mitarbeiter. Da sich die Zinsen nicht nach den Vorstellungen der VC entwickelt haben – unter anderem wegen der zwischenzeitlichen Corona-Pandemie – fordert die Gewerkschaft Nachbesserungen. Diese würden laut Lufthansa jährliche Mehrkosten von mehr als 200 Millionen Euro bedeuten – und dies ist dem Unternehmen zufolge „nicht bezahlbar“, zumal ein Sanierungsprogramm für die Fluggesellschaft läuft, die nach verlustreichen Jahren 2025 gerade einmal so einen Mini-Gewinn abgeworfen hat. Die Positionen der beiden Seiten waren also unvereinbar.
Die Lufthansa-Idee würde nach Unternehmensangaben die Betriebsrenten um bis zu 50 Prozent verbessern, ohne dass das Mehrkosten für die Airline bedeutet. Allerdings wäre der Preis für die Gewerkschaft, auf eine separate Übergangsversorgung zu verzichten. Die VC hat bislang noch nicht auf den Vorschlag reagiert. Schon jetzt fliegen die Piloten deutlich länger als nur bis 55 – nach den letzten bekannten Zahlen im Durchschnitt bis zum Alter von 59 Jahren. Piloten dürfen in Europa nach den Regeln der European Union Aviation Safety Agency (EASA) bis zum Alter von 65 Jahren kommerzielle Passagierflugzeuge fliegen. Die Belastungen von nächtlichen Langstreckenflügen und häufigem Jetlag sind jedoch für die Pilotinnen und Piloten individuell unterschiedlich. Andererseits: Da Lufthansa Airlines derzeit nicht wächst – neue Flugzeuge gehen auf der Kurzstrecke in Deutschland nur zu den günstigeren Tochtergesellschaften Eurowings, Discover oder City Airlines – dauert es immer länger, bis die Co-Piloten zu Kapitänen befördert werden. Derzeit müssen sie bis zu rund 20 Jahre auf dem rechten Sitz fliegen, bis sie nach links wechseln dürfen. Bei anderen Airlines ist die Beförderung innerhalb weniger Jahre möglich.













