
Der Chalamet-Skandal, der keiner ist
n-tv
Ein Schauspieler äußert einen Gedanken. Drei Wochen später verteidigt das Internet die Hochkultur, als stünde die Zivilisation kurz vorm Untergang. Und mittendrin die Frage: Hat Timothée Chalamet mit einem einzigen Satz gerade seinen Oscar verspielt?
Ein Schauspieler äußert einen Gedanken. Drei Wochen später verteidigt das Internet die Hochkultur, als stünde die Zivilisation kurz vorm Untergang. Und mittendrin die Frage: Hat Timothée Chalamet mit einem einzigen Satz gerade seinen Oscar verspielt?
Lieber Leser, es ist mal wieder soweit. Jemand sagte etwas, ein anderer entdeckte das Gesagte und binnen drei Wochen rollte eine weitere Empörungswelle gnadenlos durch den Welt-Gerichtssaal dieser Tage, besser bekannt als die sozialen Medien. Wie immer reicht ein einziger Satz, um im Internet eine Art moralischen Ausnahmezustand auszulösen. Kein Skandal, auch kein wirklicher Konflikt - nur ein Gedanke, der ausgesprochen wird, ein bisschen zu schnell vielleicht, und ja, vielleicht ein bisschen zu unüberlegt. Und, schwupp, geht's gleich wieder los und ein ganzer digitaler Marktplatz fühlt sich regelrecht verpflichtet, Stellung zu beziehen. Man kennt es mittlerweile.
Diesmal war der Auslöser Hollywood-Star Timothée Chalamet. In einer Gesprächsrunde sagte der 30-jährige Schauspieler sinngemäß, er habe wenig Interesse daran, Dinge am Leben zu halten, für die sich im Grunde niemand mehr interessiere. Als Beispiel nannte er die Oper und das Ballett. Man könnte diese Bemerkung als flüchtigen Gedanken über die verschiedenen Geschmäcker des Publikums verstehen, vielleicht auch als eine unbedachte Pointe über Kultur und Markt. So mancher würde über Chalamets Aussage womöglich sogar denken: "Mensch, der ist eben auch nur ein Kulturbanause."
Das Internet jedoch hörte darin etwas ganz anderes. Und zwar den Startschuss für ein neues Kapitel der globalen Empörungskultur. Binnen kürzester Zeit entwickelte sich aus diesem einen Satz eine Debatte, die mal wieder eine erstaunliche Eigendynamik bekam. Opernhäuser meldeten sich zu Wort, Künstler erklärten, dass sich selbstverständlich weiterhin Menschen für diese Kunst interessieren, und Vertreter der Kulturszene erinnerten daran, dass diese Formen seit Jahrhunderten existieren. Gleichzeitig tobte im Netz eine Verteidigungsschlacht, an der sich Menschen beteiligten, die vermutlich zuletzt im Rahmen einer Schulveranstaltung ein Theater von innen gesehen hatten.

Judith Hoersch ist Schauspielerin. Mit "Niemands Töchter" ist ihr ein Hit gelungen. Und das, obwohl sie zwischen Bayern und Berlin pendelt, eine kleine Tochter hat und sehr viel arbeitet. Hoersch spielt die Hebamme "Lena Lorenz" in einer erfolgreichen Serie, in der es ums Kinderkriegen und -haben geht. Genau wie in ihrem ersten Roman.












