
Warum Münchner Christen werden
Süddeutsche Zeitung
Während den Kirchen die Menschen in Scharen davonlaufen, lassen sich neuerdings mehr Erwachsene taufen. Im Erzbistum München und Freising wollen in der Osternacht so viele katholisch werden, dass dafür der Platz im Liebfrauendom nicht ausreicht.
So recht nachvollziehen kann es vor allem Jan Schumanns Vater nicht, dass sein Sohn hier mit gefalteten Händen in einer der dunklen Kirchenbänke von St. Michael sitzt und mit Ehrfurcht der Osternacht entgegenblickt. Aber nicht, dass man das jetzt falsch versteht, schränkt der junge Mann beim Gespräch unterm mächtigen Tonnengewölbe gleich wieder ein: „Mein Vater und meine Mutter blicken dem Ganzen positiv neutral entgegen.“
Als Jan Schumann vor 34 Jahren im südlichen Brandenburg geboren wurde und später in der Nähe von Dresden aufwuchs, ließen ihn die Eltern, ein Ingenieur und eine Lehrerin, nicht taufen. „Sie stammen ja beide aus der DDR und sind innerhalb dieser versachlichten Doktrin groß geworden“, sagt ihr Sohn. Der Vater war selbst nie Mitglied einer Kirche, die Mutter mal evangelisch. Aber Jan Schumann glaubt, dass sie vor ein paar Jahren ausgetreten ist. Ganz genau wisse er es aber nicht. Vielleicht reden die drei ja nach der Osternacht noch einmal darüber – wenn ihr Sohn, inzwischen Rechtsanwalt, kurz vor Mitternacht frisch getauft die Jesuitenkirche in der Fußgängerzone als neues Mitglied der katholischen Kirche verlässt.
Der Münchner ist damit Teil eines überraschenden Trends: Während Gläubige in Herdenstärke sowohl aus der katholischen als auch der evangelischen Kirche austreten, steigt in der Erzdiözese München und Freising neuerdings die Zahl der Erwachsenentaufen. Hatten sich 2020 noch 29 Menschen das Sakrament spenden lassen, sackte deren Zahl 2022 im Jahr, als hier das Missbrauchsgutachten veröffentlicht wurde und Corona noch grassierte, auf nurmehr zehn ab. 2025 waren es in München dann auf einmal 34 erwachsene Taufwillige und heuer werden es sogar 43 sein – bei, das muss man dann größenmäßig doch einsortieren, etwas mehr als 25 000 Kirchenaustritten in der gesamten Erzdiözese allein im Jahr 2025. In der Münchner Stadtgesellschaft liegt der Anteil an Katholiken damit noch bei 24 Prozent.
Jedenfalls ist die Zahl der erwachsenen Täuflinge in München aktuell so hoch, dass sie nicht mehr alle gemeinsam in der Osternacht beim zentralen Termin von Erzbischof Reinhard Marx im Liebfrauendom das erste aller Sakramente empfangen können. Sie werden deshalb auf die umliegenden Innenstadtkirchen verteilt, wo ihnen Geistliche am Fest der Auferstehung Jesu geweihtes Wasser über das Haupt gießen und mit Chrisamöl ein Kreuz auf die Stirn zeichnen werden, zusammen mit den Worten: „Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Als Trendsetter fühlt sich Jan Schumann aber nicht. „Rückblickend gesehen war der Glaube bei mir immer schon irgendwie da, er hatte halt keine Form“, sagt der Jurist in der Kirchenbank von St. Michael, wo man sich zwischen zwei seiner rechtsanwaltlichen Termine zum Gespräch verabredet hat. Er könne sich nicht erinnern, als Kind jemals mit den Eltern in einem Gottesdienst gewesen zu sein, auch nicht mit der evangelischen Mutter an Weihnachten. Aber seine katholische Großmutter mit ihrem gelebten Glauben, die regelmäßig in die Kirche ging, ihm biblische Geschichten erzählte, die habe ihn geprägt. Die Bindung zu ihr sei sehr eng gewesen.





