
„Bei diesem Krieg geht es nicht um Menschenrechte, sondern um geopolitische Interessen“
Süddeutsche Zeitung
Der Krieg in ihrem Heimatland wühlt auch iranisch-stämmige Menschen in München auf. Vier Stimmen aus zwei Generationen erzählen, wie sie auf den Konflikt blicken. Und was ihre Hoffnungen sind.
Der Student Arman H. (27) ist in München geboren und aufgewachsen, sein Vater kam vor der Revolution aus Iran nach Deutschland. Massoud (84) und Justine Harun-Mahdavi (80) flohen 1979 aus Teheran nach Bayern und engagieren sich mit ihrem Verein für Menschenrechte. Studentin Sarah K. (29) kam vor vier Jahren für ihren Master aus Teheran nach München. Sie alle eint der gleiche Wunsch: Frieden und Demokratie in Iran. Wie das zu erreichen wäre, darüber haben sie durchaus unterschiedliche Ansichten.
Spricht der Student Arman H. über die aktuellen Geschehnisse in Iran, dann sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus. Es wirkt, als ob die Traumata mehrerer Generationen schwer auf seiner Brust lasten. „Ihr habt 1979 diese Leute an die Macht gebracht“, das wirft er der älteren Generation vor. Iran sei unter der Schah-Monarchie ein westlich orientiertes Land gewesen. Doch dann hätten linke Gruppierungen, zu denen auch sein Vater gehörte, mit den Islamisten zusammengearbeitet. Und die Opposition gegen die Monarchie, so sagt sein Sohn, sei dann in pauschale antiamerikanische Ressentiments umgeschlagen. Sein Vater war selbst schon vor der Revolution nach München gekommen. Jetzt ziehe sich ein Riss durch viele Familien, sagt er. Das sei wie in deutschen Familien, wenn man plötzlich mit einem Onkel, der ein Verschwörungstheoretiker ist, kaum noch reden könne.
Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt, doch er möchte anonym bleiben, weil er sich auch in Deutschland nicht vollständig sicher fühlt. Arman H. ist in München aufgewachsen und studiert Informatik an der Technischen Universität. Neben der iranischen besitzt er auch die deutsche Staatsbürgerschaft. „Die Menschen in Iran, insbesondere die jungen, wünschen sich von Herzen, einfach in Freiheit leben zu können, wie hier in Deutschland“, erklärt der Student.
Die brutale Niederschlagung der Proteste in Iran Anfang Januar habe ihn aufgewühlt – Menschenrechtsgruppen zählten mehr als 16 000 Tote in zwei Tagen, aber es gibt Medienberichte, die von 30 000 Toten sprechen. „Als wir Anfang Februar Klausurenphase hatten, konnte ich nicht richtig lernen“, erzählt H. Viele seiner iranischstämmigen Kommilitonen seien permanent damit beschäftigt gewesen, zu erfahren, wie es Familie und Freunden in Iran geht. In sozialen Medien stieß H. auf Videos aus den Tagen nach den Protesten, sie zeigten „überfüllte Leichenhallen voller Toter“. Anhand dieser Bilder hätten viele Menschen aus der Ferne ihre Angehörigen identifiziert. Die ganze iranische Gesellschaft brauche „jetzt eigentlich eine Therapie“.
Viele wünschten sich den Sturz des Regimes und eine Übergangsregierung unter Führung von Reza Pahlavi, dem Sohn des Schahs. „Für jemanden wie mich, der in Deutschland aufgewachsen ist, hat sich ein Monarch im 21. Jahrhundert erstmal befremdlich angehört“, sagt der Student. Aber Pahlavi verspreche Achtung der Menschenrechte, Säkularismus, Demokratie und territoriale Integrität – damit könne er sich identifizieren, sagt H. Letztlich müsse jedoch das iranische Volk selbst über seine Zukunft entscheiden.





