Ist die Sensation aus Münchens Tierwelt gar keine?
Süddeutsche Zeitung
Die winzig kleine Zwergdeckelschnecke war als Entdeckung gefeiert worden, die ausschließlich an einer Bachquelle in einem Nobelviertel heimisch ist. Dabei könnte die Wahrheit ganz schnöde sein.
Wer hätte gedacht, dass eine kleine Schnecke solche Emotionen hervorrufen kann? Der Abgeordnete Robert Brannekämper (CSU) redet von einer „Legende, die sich verselbstständigen konnte“, von einer „Polit-Ente“, die ins „Märchenbuch“ gehöre und von einem „angeblichen Naturwunder“. Es sind große Worte, es sind auch wütende Worte. Das Mitglied des Bayerischen Landtags und des Bezirksausschusses in Bogenhausen hat zusammen mit dem Anwalt Benno Ziegler zu einem Gespräch geladen, um über die Bayerische Zwergdeckelschnecke zu referieren, die so bayerisch vermutlich gar nicht ist. Und genau darin liegt aus Sicht der beiden das Problem.
Die Bayerische Zwergdeckelschnecke ist winzig, aber trotzdem Grund genug, um Juristen, die Stadtverwaltung und die Lokalpolitik nachhaltig zu beschäftigen. Zwei bis vier Millimeter misst das Tier, es ist damit deutlich kleiner als der Durchmesser eines üblichen Hemdknopfs. Und womöglich wird das Weichtier bald geschützt. Indem Schilder und Zäune aufgestellt, Bänke und eine Brücke entfernt werden. Mitten in einer öffentlichen Grünfläche in Münchner Bestlage, zwischen Herzogpark in Bogenhausen und Isarhochufer. Das zumindest sind erste Ideen, mit denen das Referat für Klima- und Umweltschutz (RKU) Anfang des Monats an den Bezirksausschuss Bogenhausen herangetreten ist. Anfangs sollte sogar ein Weg verlegt werden, die Option ist erst einmal vom Tisch.
Heimisch sein soll die Bayerische Zwergdeckelschnecke nämlich genau hier, im Quellbereich des Brunnbachs, der in die Isar mündet. Und weil das Weichtier – so die bisherige Annahme – ausschließlich dort lebt, galt sie als schützenswert. 2020 stand das so in der Rathaus Umschau, dem Mitteilungsorgan der Stadtverwaltung. Auch in einer Broschüre des RKU aus demselben Jahr ist von der Schnecke die Rede, die „weltweit nur im Quellbereich des Brunnbachs vorkommt“. Im Vorjahr, also 2019, schrieb die SZ noch teils scherzhaft, teils ernst, das Tier könnte einmal zum Münchner Wappentier werden. Es galt jedenfalls als ein Relikt der Eiszeit, als Gruß der Vergangenheit in die Gegenwart, kurzum: als Sensation.
An der Darstellung gibt es allerdings berechtigte Zweifel: In einer 2023 im auf Weichtiere spezialisierten Journal of Conchology veröffentlichten Studie kommen Forscher der Universität Krakau zu dem Schluss, dass es sich bei der Bayerischen Zwergdeckelschnecke offenbar gar nicht um eine eigene Art handele, sondern um die in Slowenien und Kroatien weitverbreitete Fluss-Zwergdeckelschnecke. Am wahrscheinlichsten sei, dass ein Urlauber das kleine Tier vor Jahrzehnten mit aus dem Jugoslawien-Urlaub in die bayerische Landeshauptstadt verschleppte.
Bereits 2020 bemerkte ein bayerischer Schneckenexperte namens Hans-Jürgen Hirschfelder, den der Anwalt Ziegler und der Politiker Brannekämper befragten, dass die Bayerische Zwergdeckelschnecke mitnichten nur im Quellbereich des Brunnbachs vorkomme. Die vermeintliche Einzigartigkeit der kleinen Schnecke und ihre damit einhergehende Schutzwürdigkeit? Aus Sicht der beiden ist es damit vorbei.













