
Das Problem ist größer als die Gehaltsabrechnung
Süddeutsche Zeitung
Wie normal es immer noch ist, dass Frauen beim Thema Geld benachteiligt werden, zeigt: Das Zeitalter der ökonomischen Unterdrückung ist noch nicht überwunden. Dabei kann finanzielle Abhängigkeit sogar lebensgefährlich werden.
Frauen verdienen weniger als Männer, heißt es häufig. Dabei stimmt das eigentlich gar nicht. Sie bekommen weniger. Und weil das nicht nur ein großer sprachlicher Unterschied ist, gibt es den Equal Pay Day, der am 27. Februar daran erinnert, wie groß die Lücke bei der Bezahlung zwischen Männern und Frauen ist – und dass Frauen mehr verdienen, als sie bekommen. Dass so ein Tag fest zum Jahreskalender gehört, sollte auch eine Warnung sein, dass das systemische Problem noch größer ist, als allein das auf der Gehaltsabrechnung. Wie normal es immer noch ist, dass Frauen beim Thema Geld benachteiligt werden, zeigt: Das Zeitalter der ökonomischen Unterdrückung ist noch nicht überwunden.
Es ist gut dokumentiert, wie stark finanzielle Ungleichheit das Leben von Frauen bestimmt. Das fängt damit an, dass Produkte, die als „weiblich“ vermarktet werden, oft deutlich teurer sind als die „männlichen“ Pendants. Männer bekommen mehr Geld, auch für die gleiche Arbeit. Männer investieren deutlich häufiger in Aktienanlagen, ein wichtiger Faktor bei der Vermögensbildung. Bekommen Paare Kinder, beeinflusst das die Erwerbssituation von Vätern kaum, während Frauen oft ihre Arbeitszeit reduzieren und auf Einkommen verzichten. Und das nicht nur jetzt, sondern auch im Alter: Männer bekommen deutlich mehr Rente, etwa ein Viertel mehr als Frauen. Und auch ökonomische Gewalt spielt eine wichtige Rolle: Wenn Männer kontrollieren, welche finanziellen Möglichkeiten ihre Partnerin hat, also zum Beispiel verhindern, dass sie selbst Geld verdient, verwaltet oder nutzt. Frauen, die ihrem Partner finanziell unterlegen sind, werden außerdem häufiger Opfer von körperlicher Gewalt, ihre finanzielle Abhängigkeit kann also sogar lebensgefährlich werden.
Beim Thema Gleichberechtigung ist es deshalb wichtig, auch über Geld zu sprechen. Individuelle Freiheit in einem marktwirtschaftlich-kapitalistischen System ist nur mit finanzieller Unabhängigkeit möglich. Geld ist schließlich auch ein Machtfaktor: Es gibt dem Menschen mehr Macht über seine eigenen Lebensentscheidungen, etwa einen Umzug oder eine Trennung. Es gibt dem Menschen aber auch Macht über jene, die weniger haben. Und es sind nun einmal häufiger Männer, die diese Macht haben.
All das ist kein natürlicher Zustand, sondern ein bewusst geschaffenes System der Benachteiligung und der Abhängigkeiten. Ein System, das lang genug ja sogar staatlich gewollt war: Bis 1958 war es in der BRD gesetzlich vorgeschrieben, dass Ehemänner sämtliche finanzielle Angelegenheiten bestimmen. Bis 1977 durfte die Ehefrau ohne Erlaubnis ihres Mannes nicht arbeiten gehen. Wer heute lebt, kennt also ziemlich sicher noch eine Frau, die davon betroffen war. Dass solche Ungerechtigkeiten inzwischen aus den Gesetzen gestrichen sind, darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie tief sie gesellschaftlich verankert sind.
Wer als Ausweg nun die Eigenverantwortung anführt, der ignoriert den kompletten Kontext, in dem Frauen solche Entscheidungen meist treffen müssen. Oft ist es die Betreuung von Kindern oder anderen Angehörigen, die mehr Erwerbsarbeit oder besser bezahlte Führungspositionen verhindert. Oft arbeiten Frauen in Branchen, in denen die Löhne niedriger sind. Zum Beispiel in sozialen Berufen, die für eine funktionierende Gesellschaft unverzichtbar sind. Das als individuelle Entscheidung abzustempeln, die man halt trifft oder nicht, ist gleich doppelt perfide: Einerseits wird solche Arbeit stereotyp als Frauenaufgabe gesehen – und gleichzeitig nicht angemessen wertgeschätzt und entlohnt.













