
Zu wenig Show? Die neue Formel 1 sieht einen Silberstreif
Süddeutsche Zeitung
120 Rennmanöver statt 45 wie im Vorjahr: Der erste Grand Prix mit dem halbelektischen Reglement liefert beim Doppelerfolg von Mercedes die gewünschte Unterhaltung. Die Anführer der Anti-Energiespar-Fraktion wirken wie schlechte Verlierer.
Am Ende sind es immer die Emotionen, mit denen sich die Formel 1 richtig auflädt. Den insgesamt 483 934 Zuschauern, die am ersten Wochenende der neuen Grand-Prix-Zeitrechnung in den Albert Park pilgerten, war es herzlich egal, wegen welcher optimalen Kombination von Batterie und Verbrennungsmotor beim Saisonauftakt überholt werden konnte. Für die Fans zählte nur die Tatsache, dass es nun 120 Manöver in knapp anderthalb Stunden gab, gegenüber den 45 im Vorjahr. Einen hohen Anteil an der starken Zweikampf-Quote hatte auch Sieger George Russell, der von seinem Renningenieur bei der Zieldurchfahrt als „Reißer“ gefeiert wurde. Australische Medien hatten den Briten schon nach der souveränen Pole-Position als King George bezeichnet. Von den Erfolgen her ist die langjährige Nummer zwei im Team noch eher ein Kronprinz, mit jetzt sechs Grand-Prix-Siegen in acht Rennjahren. Aber das spricht auch für einen großen Erfolgshunger, der 28-Jährige ist der große Favorit auf den Titel bei den Buchmachern.
Einen raren Einblick in seinen Gemütszustand lieferte Mercedes-Teamchef Toto Wolff, dessen Schützlinge George Russell und Kimi Antonelli beim Doppelerfolg in einer eigenen Liga fuhren, und schon in der Qualifikation wie von einem anderen Stern wirkten. 51 Sekunden Vorsprung auf den fünftplatzierten Titelverteidiger Lando Norris, der mit dem gleichen Aggregat in seinem McLaren hinterherfuhr, sind nicht ein Ausrufezeichen, sondern eher drei. Dieser Abstand markiert auch die Grenze zwischen jenen, die dem Saisonauftakt nur Positives abgewinnen können, und jenen, die sich die Autos der alten Schule zurückwünschen.
Die Formel 1 startet in die neue Saison – und niemand weiß, was am Sonntag in Melbourne passieren wird. Die Fahrer sind wegen des neuen Batterie-Reglements verunsichert, manch einer fürchtet gar einen Imageverlust.
Der desillusionierte Norris behauptet plötzlich, dass er von einem der besten Autos der Welt in eines der schlechtesten wechseln musste: „Ätzend!“ Damit solidarisiert er sich ausgerechnet mit seinem großen Gegenspieler Max Verstappen, dem Anführer der rasenden Anti-Energiespar-Kampagne. Aber die beiden wirken dabei eher wie schlechte Verlierer, wenngleich der Niederländer es nach seinem Qualifikationsunfall von Startplatz 20 aus noch auf den sechsten Platz schaffte. Der viermalige Weltmeister weiß natürlich, dass er sich anpassen muss, und bei seinem Ehrgeiz und Können ist das auch nur eine Frage der Zeit. Das sind die bestbezahlten Rennfahrer der Welt im Übrigen auch ihren Arbeitgebern und dem Publikum schuldig. Jammern wirkt in der allgemeinen Erleichterung auf der Rennstrecke eher wie Spielverderben. Norris beschwerte sich über das gelungene Spektakel, das er als Chaos bezeichnete: „Man fährt und wartet darauf, dass etwas schrecklich schiefgeht.“
Toto Wolff jedenfalls trug bei seiner Sprechstunde im silbernen Pavillon stolz das in Ampelgrün gehaltene Mannschafts-Shirt, auf dem das Firmenlogo klein gehalten ist, dafür ganz groß die wenig erklärungsbedürftige Team-Botschaft „P1“ prangt: Platz eins. „Wenn ein Team acht Jahre lang alles gewinnt und dann vier schwierige Jahre durchmachen muss, dann ist das Gefühl der Zufriedenheit vermutlich noch größer, wieder im Kampf um den Titel dabei sein zu können“, bilanzierte der Österreicher.













