
Der Weltmeister kommt nicht mal aus der Garage
Süddeutsche Zeitung
Beim Formel-1-Renen in Shanghai schafft es McLaren nicht, ein funktionierendes Auto an die Startlinie zu bringen. Das Team schimpft auf den Motorenlieferanten Mercedes – dessen Werksteam vornweg fährt.
Noch mehr als er das Siegen liebe, sagt Zakary Challen Brown, hasse er das Verlieren. Der Kalifornier, den sie im Fahrerlager der Formel 1 nur Zak rufen, erfährt demnach gerade, was eine echte Hassliebe ist. Das von ihm geleitete McLaren-Team ist schon nach zwei Rennen der große Verlierer dieser Grand-Prix-Saison: Statt von Anfang an Lando Norris’ Weltmeistertitel zu verteidigen oder um den dritten Konstrukteurstitel in Serie zu fahren, schleichen die Autos unter den neuen Regeln dem eigenen Anspruch weit hinterher. Und der ist am Stammsitz in Woking in der Grafschaft Surrey seit Zeiten des Despoten Ron Dennis ohnehin immer ein ganz besonders hoher.
Am Wochenende beim Großen Preis von China erlebte der stolze Rennstall ein spezielles Debakel, als die beiden Rennwagen von Norris und dessen Teamkollegen Oscar Piastri erst gar nicht an den Start gehen konnten. Die australische Presse scherte sich nicht um den Grundsatz, dass sich Wortspiele mit Namen nicht gehören, und taufte ihren Lokalhelden kurzerhand in Disastri um. Verstehen kann man die Versuchung unter diesen Umständen.
Ein Batterie-Reglement, das nicht von Rennfahrern geschrieben wurde, sondern vom Zeitgeist, spaltet die Formel 1. Es begünstigt nicht die instinktivsten Piloten, sondern die schlausten.
Selbst Rennleiter Andrea Stella, der gern als der gute Mensch in der Boxengasse inszeniert wird, entgleisten die Gesichtszüge am Kommandostand, irgendwo zwischen rat- und hoffnungslos. Auch sonst fehlte es beim britischen Rennstall schon vor dem Nicht-Rennen auf dem Shanghai International Circuit an Contenance. Den enormen Rückstand von Norris beim Saisonauftakt in Australien, dem als Fünften 51 Sekunden auf Silberpfeil-Sieger George Russell fehlten, erklärte sich McLaren auch durch eine „nicht wie erwartete Datenkommunikation“ mit dem Motorenlieferanten Mercedes. Verpackt waren die Spitzen über eine vermeintliche Benachteiligung natürlich in nette Worte: „Wenn man sich ansieht, was die Motoren im Mercedes-Werksteam leisten können, gibt es bei uns viel zu tun. Wir müssen die Zusammenarbeit mit dem Hersteller unbedingt ausbauen, damit ihr Erfolg auch auf uns übertragbar ist.“ Schon in der kurzen Testphase für das neue technische Reglement hatte sich McLaren im Rückstand gewähnt. Gut kommt eine solche Schelte natürlich nicht an, selbst falls sich dahinter ein verzweifelter Hilferuf verbergen mag.
Ins Bild passt, dass der Doppelausfall von China auf die Elektrik der Antriebseinheit zurückzuführen ist. Das Auto von Lando Norris kam gar nicht erst aus der Garage, Piastri musste aus der Startaufstellung zurückgeschoben werden und hat bislang noch gar keine gültige Rennrunde in dieser Saison drehen können. Bei zwei Rennen nacheinander nicht starten zu können, das hatte bislang von allen ruhmreichen Piloten des Hauses nur Firmengründer Bruce McLaren erleben müssen. Für Norris war es das erste Mal überhaupt, dass er bei einem Rennen in der Königsklasse nicht an den Start gehen konnte: „Das ist schwer zu schlucken.“ Lediglich die Punkte im Sprintrennen vom Samstag retten das Team vor der Blamage in der Konstrukteurs-WM, wo man immer noch knapp Dritter ist – allerdings schon mit 80 Zählern Rückstand auf Mercedes und 49 auf Ferrari. Stella bezeichnet den Gemütszustand seiner Truppe derzeit wenig überraschend als „frustriert“. Die defekten Teile werde man an Mercedes schicken. „Das scheinen zwei unterschiedliche Probleme zu sein, die aus irgendeinem Grund gleichzeitig passiert sind“, analysierte der fassungslose italienische Ingenieur.













