
Gisèle Pelicot widersetzt sich der Opfererzählung
n-tv
Mehr als ein Jahr nach dem spektakulären Pelicot-Prozess in Frankreich erscheint heute Gisèle Pelicots Buch "Hymne an das Leben". Es ist ihr Versuch, Schrecken und Hoffnung, ihr Leben, ihre Ehe und eine beispiellose Verbrechensserie zu verstehen.
Mehr als ein Jahr nach dem spektakulären Pelicot-Prozess in Frankreich erscheint heute Gisèle Pelicots Buch "Hymne an das Leben". Es ist ihr Versuch, Schrecken und Hoffnung, ihr Leben, ihre Ehe und eine beispiellose Verbrechensserie zu verstehen.
"Ich zeige Ihnen jetzt Fotos und Videos, die Ihnen nicht gefallen werden", sagt der zuständige Polizeibeamte am 2. November 2020 zu Gisèle Pelicot. Es ist der Tag, der Pelicots Leben für immer in ein Davor und Danach teilen wird. Sie hatte ihren Mann Dominique auf die Polizeiwache begleitet, nachdem er dabei beobachtet worden war, wie er Frauen unter den Rock filmte.
Am Morgen jenes Tages ist sich Pelicot als loyale Ehefrau und Mutter sicher, sie und ihr Mann würden auch diese Herausforderung zusammen meistern, wie so viele davor. So erzählt sie es in ihrem Buch "Hymne an das Leben", das heute weltweit erscheint. Am Abend dieses Tages spricht sie einer Freundin gegenüber das erste Mal die Ungeheuerlichkeit aus, die von nun an ihr Leben in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt: "Dominique wurde gerade verhaftet. Er hat mich jahrelang vergewaltigt und von fremden Männern vergewaltigen lassen."
Vier Jahre später wird sie im Zentrum des größten Vergewaltigungsprozesses der französischen Geschichte stehen. Und sie wird sich gegen ein Verfahren hinter verschlossenen Türen entscheiden, obwohl das heißt, dass die ganze Welt die Bilder sehen wird, die ihr der Polizeibeamte an jenem 2. November gezeigt hatte: "Eine Frau mit Strapsen liegt auf der Seite. Ein schwarzer Mann liegt hinter ihr und dringt in sie ein. … Dieselbe Frau liegt auf dem Rücken, neben ihr ein tätowierter Mann." Gisèle Pelicot hatte sich zunächst nicht erkannt, weil das Gesicht der Frau so schlaff war und weil sie es nicht für möglich hielt, dass ihr eigener Ehemann ihr diese Gewalt antun konnte.
Doch zunächst muss sie das, was sie selbst noch kaum erfassen kann, ihren Kindern sagen. "Wir alle wissen, dass wir unseren Kindern früher oder später schlimme Dinge anvertrauen müssen, aber doch nicht so was", schreibt Pelicot über diesen Moment, den sie im BBC-Interview "möglicherweise die schwierigste Erfahrung ihres Lebens" nennt. Ihre Tochter Caroline bricht zusammen, Sohn David muss das Gespräch abbrechen und sich übergeben, Sohn Florian wirkt besonnen, später wird er erzählen, dass er den Browserverlauf des Vaters kannte. Es ist ein Vorgeschmack auf schwierige Jahre, in denen jedes Familienmitglied für sich und alle miteinander einen Umgang mit Dominique Pelicots Taten finden müssen.













