
Die Lage in Wolfsburg ist ernst. Sehr ernst
Süddeutsche Zeitung
Tränen beim Kapitän, Grüppchenbildung im Team: Der Niedergang des VfL gleicht einem Auffahrunfall in Zeitlupe – Sport-Geschäftsführer Christiansen und Trainer Bauer müssen gehen, ein alter Bekannter übernimmt.
Wo soll man anfangen? Beim Verteidiger Jonas Adjetey, der seinen Gegenspieler derart innig umklammerte, dass dem Schiedsrichter nichts anderes übrig blieb, als auf einen (daraufhin verwandelten) Elfmeter zu entscheiden? Beim Frust der Wolfsburger Fans, die nach dem Schlusspfiff Pyrofackeln auf den Platz warfen, eine Aktion, die man mit viel gutem Willen als einen Akt von Notwehr umdeuten könnte? Bei der wilden Schubserei, die sich auf dem Rasen zutrug, weil das Wolfsburger Team nicht nur gerade ein wichtiges Fußballspiel verloren hatte, sondern Teile jenes Teams nach Schlusspfiff zudem ihren Anstand? Oder beim nun ehemaligen Trainer Daniel Bauer, der seine Pressekonferenz mit halbstündiger Verspätung und daher ohne das Beisein des gegnerischen Coaches abhielt, weil man sich – so lautete wenigstens die offizielle Version – noch mal „Spielszenen angeschaut“ habe?
Weil es um den VfL Wolfsburg geht, sollte man jedoch standesgemäß mit Maximilian Arnold anfangen. Mit Tränen in den Augen trat der Kapitän in die Interviewzone der Wolfsburger Arena und sendete mit seinem Auftritt so einige Botschaften aus. Nummer eins: Arnold, der auf dem Platz immer dorthin geht, wo es wehtut, kam wenigstens. Anders als seine Teamkollegen, die nach Spielende für weitergehende Erläuterungen nicht zur Verfügung standen. Botschaft Nummer zwei: Entgegen dem Klischee gibt es sie, die Fußballer, die für den VfL ehrliche, authentische Gefühle empfinden. Am deutlichsten sichtbar wurde in Person von Arnold jedoch Botschaft Nummer drei: Die Lage in Wolfsburg ist ernst. Sehr ernst. Und das hat nur nachgeordnet mit der 1:2-Heimniederlage am Samstag gegen den Hamburger SV zu tun.
Maximilian Arnold erklärt, warum er sich seinem Klub so verbunden fühlt, warum die sportlich schlechten Phasen überhandnahmen – und warum unter Trainer Daniel Bauer Besserung in Sicht ist.
Arnold wirkt seit 2009 in der Autostadt, nicht immer handelte es sich da um eine spaßige Angelegenheit. In einem derart desolaten Zustand hat er den Werksklub aber wohl noch nie vorgefunden. Eine „Katastrophe“, sagte Arnold. Recht viel mehr Erhellendes konnte dann aber auch der verdienteste aller kickenden Werksmitarbeiter nicht beitragen.
Der Wolfsburger Kapitän hätte gerne mehr erläutert, konnte aber nicht. Er scheiterte an seiner zittrigen Stimme und an seiner Fassungslosigkeit über das, was bei diesem Verein, der seit 1997 ununterbrochen der ersten Liga angehört und mit Europapokalambitionen in die Saison gestartet war, im März 2026 so alles los ist. Ein Auffahrunfall in Zeitlupe lässt sich in Wolfsburg gerade besichtigen, und das ist in diesem Fall wörtlich zu verstehen.













