
Wo der Paralympicssieger im Plastiksack steckt
Süddeutsche Zeitung
Im Behindertensport kommt es auch aufs Material an – und wenn etwas kaputtgeht, helfen die Techniker im paralympischen Dorf. Mit manchmal unkonventionellen Methoden. Ein Ortsbesuch.
Am Mittwochnachmittag kommt der französische Skifahrer Arthur Bauchet in Cortina d’Ampezzo in die Werkstatt des paralympischen Dorfes gelaufen und sagt: „Ich habe mir den Daumen gebrochen. Ich will aber am Freitag den Riesenslalom gewinnen.“ So oder so ähnlich beginnt hier jede Herausforderung für die Orthopädietechniker der deutschen Firma Ottobock, die bei den Paralympics eine Art Rundumversorgung anbieten: spontane Problemlösungen aller Art.
Ein paar Meter weiter sitzt ein Monoskifahrer aus Mazedonien, dem die Schutzhaube seines neuen Skibobs auf die Knie drückt. Im Nachbarraum wiederum wartet eine Athletin aus Bulgarien darauf, dass man ihr ihren Silikonunterarm wieder anschraubt. An einem der künstlichen Finger hat sich ein Stück der Kuppe gelöst.
In kurzen Hosen durch den Schnee von Tesero: Marco Maier musste einige Hürden überwinden, ehe er zum besten und auffälligsten deutschen Para-Biathleten wurde.
Und erst kürzlich, erzählt Peter Franzel, der bei Ottobock Spezialeinsätze wie nun in Italien verantwortet, war ein Mexikaner mit einer Flöte aus Tierknochen da. Im Mundstück klaffte ein Riss, die Töne klangen nicht mehr so, wie sie sollten. Und auch wenn der Einfluss von Flötenmusik auf die Pistenperformance mindestens fraglich erscheint: Der Riss wurde fachkundig mit Siegelharz ausgegossen und danach glatt geschliffen. Das Flötenspiel war bereits in der Werkstatt wieder möglich.
Auch für Arthur Bauchet überlegt sich die Crew jetzt eine Lösung. Insgesamt 86 Fachleute arbeiten bei diesen Paralympics an allen Wettkampfstandorten im Schichtbetrieb. Mehr als 320 Einsätze haben sie bis Mittwoch schon abgeschlossen, vom schnellen Luftaufpumpen am Rollstuhlreifen bis zu komplexen Arbeiten am Schweißplatz oder an der Trichterfräse, alles kostenlos für die Athletinnen und Athleten. In Cortina nehmen sich nun die Orthopädietechniker Christian Ziniel und Maria Köhlitz des Falles an. „Ich weiß, ich muss zum Arzt“, sagt Bauchet. „Aber das geht erst nach den letzten Rennen.“













