Warum Demenz die schrecklichste Krankheit der Welt ist
Die Welt
Die Attacke von Bardem, Swinton & Co. wegen der Haltung des Festivals zu Gaza fällt nur auf sie selbst zurück.
Juliette Binoche ruft die Polizei, weil ihr dementer Stiefvater mit der eigenen Ehefrau schläft. Was wie ein absurdes Familiendrama klingt, wird in „Queen at Sea“ zum explosiven Moral-Thriller über Alzheimer, Sexualität und Schuld – und zum stillen Favoriten auf den Goldenen Bären. Wie so oft hatte man ihn nicht unbedingt auf dem Zettel: „Queen at Sea“ vom unbekannten Filmemacher Lance Hammer wartete allein mit Juliette Binoche als Verkaufsargument auf. Die Story las sich arg deprimierend. Es sollte um Demenz gehen, genauer: um den Streit zwischen den verbliebenen luziden Familienangehörigen über den richtigen Umgang mit der an Alzheimer leidenden Mutter, Großmutter und Ehefrau. Binoche spielt die Tochter, die am Anfang ihren Stiefvater beim Sex mit ihrer Mutter erwischt. Was ist daran schlimm, immerhin sind die beiden doch verheiratet? Dass die Mutter eben nicht mehr zustimmen kann, meint die Tochter, es sei deshalb eine Vergewaltigung. Sie ruft die Polizei. Eine bürokratische Lawine bricht los, die sich nicht mehr aufhalten lässt. Am Ende ist der Ehemann angeklagt und die Mutter im Heim. Dort hat sie am zweiten Tag Sex mit einem gleichfalls dementen Bewohner. Aufgebracht bringen Mann und Tochter sie nach Hause zurück. Dort wird freilich alles noch schlimmer. Die kurze Zusammenfassung wirft nur ein Schlaglicht auf eine Geschichte, die so intelligent und zugleich feinfühlig erzählt ist, dass das unlösbare Dilemma des Umgangs mit dieser schrecklichen Krankheit einerseits zu Tränen rührt und andererseits geeignet ist, eine wichtige Debatte auszulösen. Einer der Filme, die von dieser Berlinale bleiben werden – und auch ein Favorit für den Goldenen Bären. küv Thematisch passt „Flies“ (im Original: „Moscas“), der konzentrierte Schwarz-Weiß-Film des Mexikaners Fernando Eimbcke, zu dem, was sich der diesjährige Wettbewerb auf die Fahnen geschrieben hat: Familiendynamiken zu sezieren, etwa indem der Verlust des einen Mitglieds und der Zugewinn eines neuen unter die Lupe genommen wird. „Flies“ beobachtet einen neunjährigen Jungen (Bastian Escobar) dabei, wie er den lieben langen Tag durch die Stadt streunt, während er darauf wartet, dass seine Mutter aus dem Krankenhaus entlassen wird.
