
Gleichberechtigt, offiziell zumindest
Süddeutsche Zeitung
Bis zum Start der Paralympics werden in Italien längst nicht alle Missstände rund um das Thema Inklusion behoben sein. Doch immerhin: Das Problembewusstsein im Land wächst.
Die Via Manzoni hat sich bisher nicht zurückverwandelt. Wie auf so vielen Straßen im Zentrum Mailands erinnern auf dem Straßenzug, der das Modeviertel vom Stadtteil Brera trennt, weiterhin die weiß beleuchteten Neonschilder an das Großereignis dieses Spätwinters. Genauer gesagt: an die beiden Großereignisse. Mailand und Cortina nämlich sind bekanntlich nicht nur Ausrichter der Olympischen, sondern auch der Paralympischen Winterspiele. Gleichberechtigt, offiziell zumindest: In der Realität ist die lombardische Hauptstadt diesmal der klare Junior-Partner, mit nur einem Stadion für eine Sportart: Para-Eishockey.
Was allerdings auch nicht verhindern soll, dass in Mailand ein Thema diskutiert wird, das die Paralympics in jedes Land bringen, in dem sie stattfinden: Es geht auch in Italien dieser Tage mehr als sonst um Inklusion und die Frage, inwiefern man dem Anspruch gerecht wird, an alle zu denken.
Ein Teil der Debatte kann direkt von der Via Manzoni aus erzählt werden. Dort haben sie die elegante Retro-Beleuchtung hängen lassen, mit der hier seit Januar für den Sport geworben wird. Ihrer Verpflichtung ist die Stadt damit gerecht geworden, nicht nur für die Olympischen Spiele einen großen Werbeaufwand zu betreiben. Einer anderen allerdings bis heute nicht: Im Modeviertel, in der Via Manzoni in Brera, in einigen der berühmtesten Ecken der Stadt also, haben Menschen im Rollstuhl weiterhin große Schwierigkeiten, von A nach B zu kommen. Der Alltag wird hier von unterschiedlichen Pflasterungen, schlecht reparierten Straßenbelägen und tiefen Furchen rund um die Tramgleise bestimmt. Oder gleich davon, dass die berühmte Linie 1 fast ausschließlich mit historischen Fahrzeugen befahren wird – die sind hübsch anzusehen, aber nicht barrierefrei.
Immerhin: In Mailand gibt es ein politisches Problembewusstsein dafür, dass Barrierefreiheit bisher nicht gegeben ist – was längst nicht in ganz Italien der Fall ist. Ein etwa 65 Millionen Euro teures Renovierungsprogramm wurde in der Stadt in den vergangenen Jahren mit besonderem Fokus auf die Spiele initiiert, über 90 Prozent der U-Bahn-Stationen sind inzwischen auch mit dem Rollstuhl zugänglich. An dem Ziel, eine Stadt nicht nur auch für Menschen mit Behinderung zu sein, sondern auch für alte Menschen und Eltern mit Kinderwagen, ist Mailand aber weiterhin nicht angekommen. Just bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele im San Siro berichtete die Regionalrätin und ehemalige Beauftragte für Barrierefreiheit, Lisa Noja, von „Angst in der Menschenmenge“, in der sie beim Weg aus dem Stadion gefangen gewesen sei.
Immerhin: Im berühmten alten Stadion sind die regelmäßigen Gastgeber, die Fußballvereine Inter Mailand und AC Milan, seit Jahren darum bemüht, die Bedingungen zu verbessern, auch wenn wohl erst der Umzug in eine neue Arena endgültig den Zugang für alle erleichtern dürfte.













