
Entnervte Dorfbewohner, aber der Vibe stimmt
Süddeutsche Zeitung
In Livigno, einem von sechs Olympia-Orten, gibt es Kritik an den Spielen, die Touristenläden sind leer. Aber junge Fans aus aller Welt haben ihren Spaß. Unterwegs mit Grantelnden und Feiernden.
An manchen Orten in Livigno kann man die Olympischen Spiele sogar riechen. 19 Parfümerien gibt es in dem Dorf mit knapp 7000 Einwohnern, man kommt kaum an einer Straßenecke vorbei, ohne einen Verweis auf Düfte, Cremes und Kosmetik aller Art. Als wäre man an einem internationalen Flughafen und nicht in einem norditalienischen Bergdorf. Eine bemerkenswerte Zahl ist das, sie lässt sich tatsächlich mit Flughäfen erklären und sogar mit Napoleon, dazu später. Erst einmal der Nase nach durch Livigno, auf der Suche nach dem profumo olimpico, dem olympischen Duft. Bis zur überraschenden Erkenntnis: Süßliches Parfüm ist nicht die Antwort. Das versprüht hier aktuell niemand.
Auffällig leer sind die Parfümerien derzeit. Hinter den meisten Eingangstüren findet man nur entnervtes Personal, volle Regale und Testfläschchen, die so lange nicht getestet wurden, dass es selbst in den Duftläden auf einmal nach ganz normaler Heizungsluft riecht. Und auch sonst schlägt der Geruchssinn nicht an, nicht mal da, wo man es sonst kaum aushält in Wintersportorten: Nicht einmal um 16.30 Uhr in einem der vielen Skiverleihe riecht es aktuell nach Schweiß.
Livigno hat den Zuschlag als ein Ausrichter der Olympischen Winterspiele gewonnen. Aber dafür nicht nur seine gewohnten Gerüche und Gefühle verloren, die mit den Feriengästen und den Tagestouristen kamen. Manche sagen, Livigno hat sogar noch mehr verloren: seine altbekannte Identität.
Um ein Stück davon zu finden, kann man bei „Lafranconi Sport“ vorbeischauen. Am Montagabend in der ersten Olympiawoche sitzt in einem der ältesten Sportgeschäfte des Ortes ein älterer Herr hinter der Kasse, der sich als Matteo vorstellt. Dann blickt er eilig auf sein Tablet und ist entrüstet: Das italienische Curling-Duo aus Stefania Constantini und Amos Mosaner ist gerade dabei, im Halbfinale gegen die USA zu verlieren. Auch das noch! Jetzt gewinnen sie nicht einmal, wenn er schon Zeit zum Fernsehen hat, die er gar nicht haben will.
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