
Eine Eskalation, die im deutschen Sport kaum Vorgänger hat
Süddeutsche Zeitung
Ein Athlet wird nach öffentlicher Kritik bestraft, ein anderer verzichtet aus Solidarität auf seinen WM-Start: Die Sportlervertretung Athleten Deutschland fordert in der Affäre rund um den Eisschnelllauf-Verband Konsequenzen.
Weggefährten, die den Eisschnellläufer Felix Maly kennen, haben viel Positives über den 31-Jährigen zu berichten. Charakterstark sei er, übernehme Verantwortung, stehe für seine Werte ein. Diejenigen, die Felix Maly kennen, waren also auch nur bedingt überrascht von der Botschaft, die er am Dienstagabend verkündete.
Ihn habe das „persönlich und sportlich stark beschäftigt“, so Maly: dass sein Verband, die Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG), seinem Teamkollegen Fridtjof Petzold ein Startverbot erteilt hatte, nachdem Petzold die DESG öffentlich kritisiert hatte. Dies erachte er, unabhängig von Form und Inhalt der Kritik, als „problematisch“. Schließlich müsse sich jeder Athlet darauf verlassen können, dass er Missstände ansprechen darf, „ohne befürchten zu müssen, dadurch sportlich benachteiligt zu werden“. Malys Conclusio: Er verzichte auf einen Start bei den Mehrkampf-Weltmeisterschaften am kommenden Wochenende, „aus Solidarität mit meinem Teamkollegen und aus persönlicher Überzeugung“.
So setzt sich eine Eskalation fort, die im deutschen Spitzensport wohl sehr, sehr wenige Vorgänger haben dürfte. Da sind Zorn und Verunsicherung darüber, wie ein Verband agiert, derart groß, dass am Ende ein Athlet aus Solidarität mit einem abgestraften Kollegen auf den WM-Start verzichtet – und damit selbst Einbußen riskiert, denn wer eine WM auslässt, setzt auch Fördermittel und Sponsorengelder aufs Spiel. Wie will die DESG da jedenfalls noch glaubhaft behaupten, so wie sie es tut, dass in ihrem Verband kein Klima der Angst herrscht?
Anstoß der Eskalation ist eine ARD-Recherche, die während der jüngsten Winterspiele mögliche Unregelmäßigkeiten unter DESG-Präsident Matthias Große thematisierte. Demnach bitte die DESG ihre Athleten für diverse Leistungen zur Kasse, verbreite ein Klima der Angst. Große und weitere Funktionäre widersprachen vergangene Woche in einer denkwürdigen Pressekonferenz. Für die hatte Große erst Hajo Seppelt und Jörg Mebus, den Urhebern des ARD-Beitrags, Hausverbot erteilt, sie dann in Abwesenheit mit Beschimpfungen überzogen – „Lügner“, „Denunzianten“, „Kaputtmacher“, das war nur eine Auswahl.
Was Lügen sind oder nicht, dürfte sich freilich erst zeigen – im Gerichtssaal. Auffällig war indes schon während der Pressekonferenz: Da hatte Große seine Fürsprecher an einer langen Tafel aufgereiht, ein Athlet aber war nicht darunter. Dafür hatte Eisschnellläufer Fridtjof Petzold die Vorwürfe der ARD zuvor unterfüttert, kurz nachdem er im Halbfinale des olympischen Massenstarts in Mailand ausgeschieden war.













