
Ein Fall für den „King“
Süddeutsche Zeitung
Mit Dieter Hecking gewann der VfL Wolfsburg seinen bislang letzten Titel, nun soll der 61-Jährige den Abstieg des Klubs verhindern. Sein Plan? Er will keine „leeren“ Spielergesichter mehr.
Er ist wieder da. Der Mann, der sich vorn aufs Pressepodium setzte, sah jedenfalls verdächtig nach dem Dieter Hecking aus, den sie beim VfL Wolfsburg bis heute mit Titeln, Erfolgen und guter Laune verbinden. Jener Hecking, bekannt für sein eher nüchternes Naturell, fand ausgerechnet in der als spröde verrufenen Autostadt zur ausgelassensten Version seiner selbst. Hecking war der „King“. So jedenfalls stand es auf einer Kappe geschrieben, die er sich für die Feierlichkeiten beim DFB-Pokalsieg 2015 aufgesetzt hatte. Bei seiner ersten Amtszeit in der Autostadt, sagte Hecking am Montag, handele es sich um die erfolgreichste seiner Trainerkarriere. Schöne Momente. Tolle Erinnerungen. Der Pokaltriumph, Platz zwei in der Meisterschaft im selben Jahr. Hach, das waren Zeiten. Doch die Zeiten in Wolfsburg sind inzwischen andere.
Dass Hecking seinen VfL Wolfsburg in einem weitaus kritischeren Zustand vorfindet als damals, ließ sich bei seiner Vorstellung an zahlreichen kleinen und nicht so kleinen Details erkennen. Der „King“ verzichtete auf auffällige Accessoires und farbenfrohe Botschaften, sondern trat wie der Typ Trainer auf, den sich der Werksklub in seiner verzwickten Lage nicht ohne Grund angeschafft hat. Seine Erfahrung, seine Expertise, das alles sei nun gefragt, sagte Hecking. Eine „One-Man-Show“ solle das allerdings nicht werden.
Tränen beim Kapitän, Grüppchenbildung im Team: Der Niedergang des VfL gleicht einem Auffahrunfall in Zeitlupe – Sport-Geschäftsführer Christiansen und Trainer Bauer müssen gehen, ein alter Bekannter übernimmt.
Als lebende Beweise hierfür saßen Wolfsburgs Sportdirektor Pirmin Schwegler und Aufsichtsratschef Sebastian Rudolph ebenfalls auf dem Pressepodium. Sie schauten, wie Hecking die meiste Zeit auch schaute: Sorgenvoll, mit ernsten Augen, aber irgendwie wirkten sie auch ein wenig beruhigt davon, dass sie die Mission Klassenverbleib nun einem Mann mit geballter Lebens- und Branchenerfahrung anvertrauen konnten. Der 61-Jährige verkörpert das Gegenteil seines am Sonntag entlassenen und sichtlich überforderten Vorgängers, des früheren Wolfsburger Jugendtrainers Daniel Bauer: 443 Bundesligaspiele hat Hecking bereits als Coach verantwortet – eine Kompetenz, die man so einfach nicht lernen kann.
Ein „gutes Bild“ habe sich Hecking darüber verschafft, woran es den auf dem Abstiegsrang 17 postierten Wolfsburgern fehle. Nicht alles wollte er verraten, einiges erzählte er aber doch. Interessanterweise waren Heckings Beobachtungen nahezu deckungsgleich mit der medialen Kritik am VfL-Team: wenig Identifikation mit dem Klub, ein zu geringes Energielevel, ein teurer Kader, der zwar Qualität, aber mindestens genauso viele Unwuchten bereithält. Wenn er den VfL Wolfsburg im Fernsehen verfolgt habe, sagte Hecking, dann habe er mitunter in „leere Gesichter“ geschaut. Das wolle er ändern. Wer nicht mitziehe, der spiele eben nicht, so einfach sei das. Bei dieser Ankündigung handelte es sich um die einzige aus der beliebten Kategorie „Klartext“. Davon abgesehen lautete Heckings öffentliche Botschaft an die Wolfsburger Spieler: Vertraut mir. Vertraut euch. Gemeinsam packen wir das.













