
So verhöhnt man bibbernde Steuerzahler
n-tv
Streik ist völlig in Ordnung in einer Demokratie. Doch Solidarität zu predigen und egoistisch zu handeln, ist eine andere Sache. Wer wie Verdi die wirtschaftliche Lage eines Landes ignoriert und Straßenbahnen an bibbernden Menschen vorbeifahren lässt, verhöhnt jene, die den öffentlichen Nahverkehr finanzieren.
Streik ist völlig in Ordnung in einer Demokratie. Doch Solidarität zu predigen und egoistisch zu handeln, ist eine andere Sache. Wer wie Verdi die wirtschaftliche Lage eines Landes ignoriert und Straßenbahnen an bibbernden Menschen vorbeifahren lässt, verhöhnt jene, die den öffentlichen Nahverkehr finanzieren.
Vor gar nicht so langer Zeit glich der Südwesten Berlins einer Geisterstadt. Als linksextremistische Kriminelle aus fragwürdigen Motiven - sie wollten "den Herrschenden den Saft abdrehen" - einen Anschlag auf das Stromnetz verübten, blieben mehrere Stadtteile stockduster. Mehr als 45.000 Haushalte und etwa 2200 Gewerbetreibende waren direkt betroffen: kein Licht, keine Heizung. Bewohner mussten, wenn sie nicht in Ausweichquartiere konnten oder wollten, in ihren kalten Heimen ausharren.
Gerade erlebte Berlin wieder Gespenstisches. Am Montag fuhren haufenweise Straßenbahnen durch die Gegend, ohne einen einzigen Gast an Bord. Nicht nur einige wenige glitten über die Schienen. Sondern Dutzende. Und das, obwohl die öffentlichen Verkehrsbetriebe im Warnstreik waren. Streikbrecher? Nein. Die Straßenbahnfahrer waren im Auftrag ewiger Glückseligkeit unterwegs: Sie hatten Wärme zu spenden. Nicht im Namen der Mitmenschlichkeit. Sie sorgten dafür, dass die Oberleitungen nicht wieder vereisen.
Die Berliner Verkehrsbetriebe BVG hatten darum gebeten. Oder gebettelt. Also willigte Verdi ein, die Straßenbahnen zu bewegen, aber eben ohne menschlichen Inhalt. Damit nicht wieder passiert, was eigentlich gar nicht erst passieren sollte. Eisregen hatte die Oberleitungen mit einer dicken Kruste aus gefrorenem Wasser überzogen. Tagelang hatten frostresistente Männer die Oberleitungen freigekratzt. In Handarbeit. Ja, richtig gelesen: alles mit den Händen. Meter um Meter. So geht Berlin, die Stadt, die tagelang über den Einsatz von Streusalz streitet und für eine Milliarde Euro Bäume pflanzt, um den Klimakollaps aufzuhalten. Irgendwann wird es Konzepte geben, wie Eisregen Oberleitungen nichts mehr anhaben kann. Gleich nach der konsequenten Verbesserung des Katastrophenschutzes.
Aber nun muss erst einmal dieser Winter überstanden werden. Damit die Kärrnerarbeit, all das Gekratze, am Streiktag nicht zunichtegemacht wird, rollten Straßenbahnen - "Betriebsfahrt" um "Betriebsfahrt" - durch die Berliner Gegend, neidisch verfolgt von staunenden oder traurigen Augen frierender Menschen mit bezahltem Monatsticket, die zur Arbeit oder ihr Kind in die Kita bringen wollten. Man muss kein diplomierter Hellseher sein, um zu erahnen, dass manch Bürgerin und manch Bürger den nicht-öffentlichen Verkehrsmitteln diverse Schimpfwörter und Flüche hinterherschickten.













