
Verhärtung ist kein unausweichliches Schicksal
n-tv
Der Alltag und die Weltlage können uns stressen, auch der zwischenmenschliche Umgang wird als zunehmend rauer wahrgenommen. Wir müssten verstehen lernen, warum die einen so und andere anders ticken, sagt der Psychologe Sina Haghiri.
Der Alltag und die Weltlage können uns stressen, auch der zwischenmenschliche Umgang wird als zunehmend rauer wahrgenommen. Wir müssten verstehen lernen, warum die einen so und andere anders ticken, sagt der Psychologe Sina Haghiri.
Man kennt das ja: Der stressige Arbeitstag ist gerade beendet, da fährt die U-Bahn vor der Nase weg. Auf dem Bahnsteig herrscht Gedränge, denn zufällig wollen noch andere Menschen nach Hause kommen. Im nächsten Zug steht man eng an eng und vor dem Aussteigen wischt ein fremder Ellenbogen durchs eigene Gesicht. Mit letzter Anstrengung den Einkauf erledigt, entlädt sich der angestaute Druck ausgerechnet zu Hause in einem überflüssigen Streit. Fehlt noch der Blick auf den Zustand der Welt in den Abendnachrichten. Gute Nacht! Zugegeben, nicht an jedem Tag reiht sich ein Frustereignis so konsequent an das nächste. Aber für den Fall der Fälle kann es nicht schaden, zu wissen, wie Menschen mit solchen Lebenslagen etwas entspannter umgehen können.
"Es ist vollkommen okay, in gewissen Situationen einen Ärger zu spüren, eine Wut zu haben, und die auch in einer sozialverträglichen Form zu äußern", sagt Sina Haghiri, Psychologe und Autor des Buchs "Was dein Leben leichter macht". Man müsse rücksichtsloses Verhalten nicht entschuldigen, "aber zu verstehen, warum man selber heutzutage geladener ist, warum andere geladener sind, kann uns etwas gelassener damit umgehen lassen".
Angesichts eines an Ratgeber-Büchern nicht armen Angebots scheint Hilfe vonnöten. Offenbar geht es allen irgendwie schlecht. "Das, was wir mitbekommen und uns prägt, scheint etwas ganz anderes zu sein, als das, was wirklich vorgeht", sagt Haghiri. "Wenn man in den Industriestaaten der Welt die Menschen fragt, wie zufrieden ihre Mitmenschen in der Gesellschaft wohl seien, haben ausnahmslos alle ein extrem dystopisches Bild über die Zufriedenheit der Leute in ihrem Land - auch in Deutschland." Im Durchschnitt werde der Anteil der zufriedenen Menschen auf 44 Prozent geschätzt. "Tatsächlich sind es über 80 Prozent. Und dieser Wert steigt konstant."
Die meisten Menschen müssen im Alltag mit anderen Menschen interagieren. Je mehr man trifft, desto höher die Wahrscheinlichkeit für ärgerliche Situationen. Allgemein wächst der Eindruck, dass die Gesellschaft verhärtet und die Menschen rücksichtsloser miteinander umgehen. In einer Erhebung des Pew Research Centers in Washington gaben 47 Prozent der Befragten an, dass sich ihre Mitmenschen im öffentlichen Raum heute unhöflicher verhielten als vor der Pandemie. Eine Untersuchung an der University of New Mexico von 2024 kam zu dem Schluss, dass Unhöflichkeit sozial ansteckend sei. Wenn Menschen glaubten, rücksichtsloses Verhalten sei normal, würden sie selbst auch dazu tendieren.













