
Annie Ernaux - eine Ethnologin ihrer selbst
n-tv
Mit 82 Jahren wird Annie Ernaux die große Ehre zuteil: Der diesjährige Literaturnobelpreis geht in diesem Jahr an die Französin, die in ihren Werken radikal autobiografisch arbeitet. Dabei weisen die Aussagen in ihren Geschichten stets weit über sie selbst hinaus.
Seit über vier Jahrzehnten schreibt Annie Ernaux Bücher - Bücher über sich und ihre Herkunft. Dabei blickt sie nicht nur radikal auf ihr eigenes Leben, sondern reflektiert schnörkellos die Zeit und Gesellschaft, in die sie hineingeboren wurde. Die 82-jährige Schriftstellerin, die am Donnerstag mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, bezeichnet sich als Ethnologin ihrer selbst. In Deutschland wird sie von Kritikern als Meisterin des Autofiktionalen gefeiert oder sogar als weiblicher Proust, in Anspielung an ihren berühmten Landsmann Marcel Proust. Ihre Bücher schaffen es regelmäßig auf deutsche Bestsellerlisten.
Eines ihrer jüngsten, auch in Deutschland erschienenen Werke trägt den Titel "Das Ereignis". Das fast autobiografische Buch handelt von den fast schon grausamen Versuchen der Autorin abzutreiben, in einer Zeit, in der die Abtreibung noch als unmoralisch und kriminell betrachtet wurde. Verfilmt wurde die Geschichte von Audrey Diwan, die dafür im vergangenen Jahr den Goldenen Löwen des Filmfestivals von Venedig erhielt.
Die über zwanzig Bücher der Schriftstellerin lesen sich wie ein Selbsterkundungsprojekt. Wie sie selbst sagt, versucht sie ihre persönlichen Erinnerungen im kollektiven Gedächtnis zu finden, denn für sie ist ein "Ich" nicht ohne die anderen und ohne Geschichte denkbar. Und so gehen ihre Geschichten über ihre persönlichen Erlebnisse hinaus; sie betten sich ein in kollektive Erfahrungen, die durch gesellschaftliche Zwänge und Ereignisse die "Ichwerdung" beschränken.













