
Von der Kunst, das Leben zu genießen - im Krieg
n-tv
Russische Raketen schlagen ein, Strom und Heizung sind Mangelware, Freunde sterben. Und doch trinken Menschen Wein, gehen ins Theater, feiern Feste. In Charkiw zeigt sich: Wer sich keine kleinen Fluchten schafft, hält den Krieg kaum aus.
Russische Raketen schlagen ein, Strom und Heizung sind Mangelware, Freunde sterben. Und doch trinken Menschen Wein, gehen ins Theater, feiern Feste. In Charkiw zeigt sich: Wer sich keine kleinen Fluchten schafft, hält den Krieg kaum aus.
Es ist Spätsommer, die Sonne scheint. Eine Gruppe junger Menschen hängt auf einem Grundstück in der Natur ab. Unter den Bäumen stehen minimalistische Gartenmöbel mit Vintage-Sonnenschirmen, es wird gegessen, getrunken, getanzt und gelacht. Wer dieses Video auf Instagram sieht, denkt an irgendein kleines Festival bei Berlin - und doch findet das Ganze keine vierzig Kilometer von der russischen Grenze entfernt statt, mitten im Krieg. In der Nähe von Charkiw.
Die Szene spielt sich auf einem Grundstück ab, das den Betreibern der Bar "Shvili Shvili" gehört, einer der angesagtesten Adressen in der Charkiwer Innenstadt. Pawlo und Jewhen, beide Mitte dreißig, bauen dort saisonales Obst und Gemüse an, das sie in ihrer Bar für Cocktails und georgisch inspirierte Tapas verwenden. 2018 übernahmen die beiden Ukrainer das georgische Lokal und gestalteten es nach ihrem Geschmack um. Nach dem Beginn der Vollinvasion flohen sie in die Westukraine - kehrten aber nach sechs Monaten zurück.
Ihre Bar überstand die Angriffe. "Das Gebäude gegenüber lag aber in Schutt und Asche", sagt Pawlo in einem Videogespräch, während er an der Bar sitzt. "Aber es wurde in ein paar Monaten wieder aufgebaut. Bei uns gibt es dieses Phänomen, dass in der Innenstadt alles schnell repariert wird und man kaum noch Kriegsspuren sieht."
Seit ihrer Rückkehr servieren Pawlo und Jewhen ihren Gästen wieder selbstgemachte Liköre, georgischen Wein und kleine Speisen – vor allem aber Normalität. Einen Hauch von Dolce Vita mitten im Krieg. Ohne ihn kann man hier nicht überleben. Ohne ihn dreht man durch.













