
Ein Spamfilter für die Forschung
Süddeutsche Zeitung
Jedes Jahr werden Tausende gefälschte Studien in Fachjournalen publiziert. Forscher haben nun ein KI-System entwickelt, das solche Paper-Mill-Arbeiten entlarven soll. Taugt es für die Praxis?
Gäbe es im System Wissenschaft eine offizielle Währung, wären das die Publikationen. Wer in der Forschung und der akademischen Welt etwas werden und gelten möchte, dessen Name sollte auf möglichst vielen veröffentlichten Studien stehen. Idealerweise sollten diese Arbeiten in angesehenen Journalen publiziert werden, sodass deren Ruf auf die Autoren abstrahlt und ihnen Prestige, Fördergeld, Titel und Posten verschafft.
Doch dieser Weg ist steinig, er ist steil, mühsam zu gehen, und Erfolg ist keinesfalls garantiert. An dieser Stelle setzen Akteure an, deren Produkt sozusagen wissenschaftliches Falschgeld ist, mit dem sich die Publikationsliste ehrgeiziger Forscher oder ganzer Institutionen zwar nicht mit Qualität, dafür aber mit Masse frisieren lässt: Sogenannte Paper Mills verkaufen ihren Kunden gefälschte Scheinstudien und versprechen, dass diese publiziert werden. Weil diese Anbieter sehr erfolgreich sind, wälzt sich eine wachsende Lawine aus Schrottstudien durch das System Wissenschaft.
Gerade haben Forscher um Adrian Barnett von der Queensland University of Technology, Australien, im British Medical Journal eine Technik vorgestellt, mit der sich Paper-Mill-Schrottstudien eventuell rasch identifizieren lassen. Das Team hat ein großes Sprachmodell mit aufgeflogenen Publikationen trainiert, die gesichert aus Paper Mills stammen. Die KI erkenne solche Arbeiten mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit an den sprachlichen Besonderheiten dieser Publikationen, so die Forscher. Der jeweilige Inhalt der Veröffentlichungen müsse dafür nicht analysiert werden. „Man könnte sagen, dass wir einen wissenschaftlichen Spamfilter gebaut haben“, sagt Barnett laut einer Pressemitteilung.
Mehr als 400 000 Studien aus Paper Mills seien in den vergangenen 20 Jahren in wissenschaftlichen Fachjournalen publiziert worden, schreiben die Forscher um Barnett im British Medical Journal. Etwa drei Prozent aller Publikationen aus der Biomedizin stammten aus solchen Quellen. Anbieter solcher Schrottstudien sitzen zum Beispiel in China, Indien, Iran oder Russland. Für etwa 5000 US-Dollar, so berichtete das Fachblatt Science im Jahr 2022, bot zum Beispiel ein russisches Unternehmen Autorenschaften für Studien an.
Laut Schätzungen, die in einem weiteren Science-Beitrag 2024 veröffentlicht wurden, nehmen Paper Mills jedes Jahr zig Millionen Dollar ein. Wie umfangreich das Problem ist, musste auch der Fachverlag Wiley feststellen, der 2021 den ägyptischen Wettbewerber Hindawi übernahm, der damals rund 250 Journale herausgab. 11 300 Studien musste Wiley schließlich zurückziehen und 19 Fachblätter ganz schließen. Die problematischen Publikationen stammten alle aus dem Hindawi-Dunstkreis, wie das Wall Street Journal berichtete.













