
Drastische Worte über Trumps Amerika müssen sein. Aber nicht von Amtsinhabern
Süddeutsche Zeitung
Sind die Beziehungen „in Auflösung“? Hat der US-Präsident die Nato „praktisch zerstört“? Es ist ja verständlich, wenn auch Minister und Senatoren so sprechen. Aber sie helfen damit nur ihm.
Schlimmstenfalls liegt der Finanzminister in der Sache gar nicht so daneben. Lars Klingbeil hat am Wochenende erneut die Formulierung gebraucht, die transatlantischen Beziehungen seien „in der Auflösung“. Dies war bereits seine Wortwahl, als er vor vier Wochen in Washington war. Aber ist es höchste Staatskunst, so zu sprechen?
Schon wahr, Donald Trump ist ekelhaft. Wie er permanent Respekt einfordert, aber nicht entbietet. Wie er Menschen nur danach beurteilt, ob sie ihm folgen oder nicht. Wie er der Meinung ist, physische Stärke sei schon genug der Legitimation. Der Weltdschungelkönig. Welche Beziehung soll (und will) man zu jemandem haben, dem erschossene Aktivisten in Minneapolis geradezu recht sind, der Grönland mit Invasion droht, der von den Ukrainern (aber nicht vom Kreml) Kompromisse verlangt, der Klimaschutz verachtet?
Denn das ist ja neben der Brutalität das nächste Wesensmerkmal von Trump und seinen Leuten: diese monströse Urteilsunfähigkeit. Wie muss man drauf sein, um im Fall Ukraine nicht zwischen Angreifer und Opfer unterscheiden zu können (oder schlimmer: nicht zu wollen)? Wie kann man mutmaßlich nüchtern in München an ein Mikrofon treten und den Europäern „Klimakult“ vorwerfen – wie es der Außenminister am Samstag tat? Der Meeresspiegel ist leider ein noch härterer Verhandler als Wladimir Putin: Ihm sind Marco Rubio und Donald Trump so was von egal. Er wird einfach steigen und steigen. Und die Ursache dafür, die Erderhitzung, ist ja nur das spektakulärste Thema, über das ein rationales Gespräch mit dieser Regierung überhaupt nicht denkbar ist.
Das Entsetzen über die Trump-Regierung hat seine Berechtigung. Aber es ist das eine, sie zu empfinden, und das andere, sie auszusprechen - jedenfalls für Menschen, die ein Amt innehaben. Wer ein Amt hat, wird nicht dafür bezahlt, es in der Öffentlichkeit allen mal gesagt zu haben. Rhetorischer Aktivismus mag das Publikum erbauen, führt aber nicht weiter. Entweder er verschließt Gesprächskanäle oder er führt zu einer Art unausgesprochenem Konsens, der dann alle Richtung „Auflösung der transatlantischen Beziehungen“ schlafwandeln lässt. Als Finanzminister ist Lars Klingbeil hoffentlich besser, als er es als Außenminister wäre.
„Ein Bastard, aber unser Bastard“ – dieses berühmte, Präsident Franklin D. Roosevelt zugeschriebene Wort über einen lateinamerikanischen Diktator, den er aber nun mal brauche, beschreibt auch Roosevelts späten Nachfolger Trump; nur andersherum. Einen anderen als ihn, auf den sie bei ihrer Verteidigung zurückgreifen könnten, werden die Europäer in den kommenden drei Jahren nicht haben. Es geht für sie darum, sich über das Doch-noch-Herausarbeiten gemeinsamer Interessen irgendwie über die Runden zu retten sowie sich mit Taten langfristig aus der Abhängigkeit zu befreien; unabhängig davon, ob vom 20. Januar 2029 an jemand im Weißen Haus sitzt, der alle Latten am Zaun hat.













