
„Der Ausverkauf in Asien gerät zunehmen außer Kontrolle“
Süddeutsche Zeitung
Der südkoreanische Index stürzt um zwölf Prozent ab, auch der Nikkei bricht ein. Ostasien ist bei seinen Rohölimporten auf Sicherheit in der Straße von Hormus angewiesen. Der Dax dagegen erholt sich leicht.
Von Teheran nach Seoul sind es etwa 6500 Kilometer – etwa 3000 Kilometer mehr als nach Frankfurt. Trotzdem waren die Folgen der aktuellen Krise im Nahen Osten an den Börsen in Ostasien in den vergangenen Tagen zum Teil heftiger zu spüren als in Europa. Der südkoreanische Leitindex KOSPI fiel am Mittwoch um ganze zwölf Prozent. Die Kursverluste waren zwischenzeitlich so hoch, dass der Handel sogar einmal kurzfristig für fünf Minuten ausgesetzt wurde. Der japanische Nikkei-Index gab um fast vier Prozent nach. Der Dax hingegen erholte sich am Mittwoch zunächst leicht.
Die Entwicklung zeigt die Unsicherheit an den Aktienmärkten angesichts der Kämpfe in einer Region, wo große Mengen Erdöl gefördert werden und die deshalb für die Weltwirtschaft von großer Bedeutung ist.
Bereits am Wochenanfang hatten Börsen weltweit Verluste verzeichnet. Besonders aufmerksam wurden von Finanzexperten die Entwicklung in der Straße von Hormus verfolgt. Etwa 20 Prozent des weltweiten Rohöl-Bedarfs wird mit Frachtschiffen durch diese Meerenge direkt vor der iranischen Küste transportiert. Bislang hat Iran den Verkehr nur eingeschränkt, nicht blockiert. Aber wegen der Lage können Reedereien ihre Ölfrachter oft nicht mehr versichern, wenn sie durch die Straße von Hormus fahren. Deshalb ist der Verkehr dort nahezu zum Erliegen gekommen.
Die Folgen sind aber nicht überall gleichermaßen zu spüren. „Das hat für unterschiedliche Regionen eine unterschiedliche Bedeutung“, erläuterte Thomas Kruse, Chief Investment Officer des Vermögensverwalters Amundi bei einer Veranstaltung am Dienstag. So verbrauchten die USA im weltweiten Vergleich zwar das meiste Öl, seien aber wegen eigener Vorkommen kaum auf Importe angewiesen. Europa importiert zwar viel Öl, allerdings sind nach EU-Angaben die größten Lieferanten Norwegen, die USA und Kasachstan. Nahost-Länder spielen eine geringere Rolle. Kruse zufolge müssen nur etwa fünf Prozent der europäischen Rohölimporte die Straße von Hormus passieren. Ganz anders sei die Situation in Asien: Südkorea und Japan beziehen einen Großteil ihren Rohölimporte über diesen Weg. Auch in Indien und China ist die Abhängigkeit hoch.
Kein Wunder also, dass die Börsen in Asien auf die Lage in der Straße von Hormus deutlich nervöser reagieren. „Der Ausverkauf in Asien gerät zunehmend außer Kontrolle, weil die Marktteilnehmer die Lage nicht mehr als einen ‚einwöchigen Schlagzeilen-Schock‘ betrachten“, sagte Charu Chanana, Chefstrategin bei der Saxo Bank in Singapur der Nachrichtenagentur Reuters. Sowohl der japanische Nikkei als auch der koreanische KOSPI hatten in den vergangenen Monaten stark zugelegt. Eine Erklärung für die Verluste der vergangenen Tage könnte darum auch sein, dass einige Investoren angesichts der unsicheren Weltlage Gewinne mitnehmen und Positionen verkaufen.













