Wenn arttypisches Verhalten zur Falle wird
Die Welt
Vom König des Waldes mutierte er zum König des Kitschs. Nun wird er rehabilitiert: Der Rothirsch ist zum Tier des Jahres 2026 gekürt worden – mit genau den Attributen, die ihn berühmt gemacht haben.
Vom König des Waldes mutierte er zum König des Kitschs. Nun wird er rehabilitiert: Der Rothirsch ist zum Tier des Jahres 2026 gekürt worden – mit genau den Attributen, die ihn berühmt gemacht haben. „Der röhrende Hirsch“ ist ganz schön auf den Hund gekommen. Einst galt das Tier als König des Waldes, edel und scheu. Dann entdeckten es die Maler der Spätromantik und porträtierten den Hirsch in Herrscherpose – im Rudel auf einer Lichtung, einsam am Bachlauf oder vor Gebirgskulisse, meist als Platzhirsch beim Röhren. Im 19. Jahrhundert wurde der Hirsch mit nationalem Stolz aufgeladen und mit schwülstigen Brunftmetaphern belegt. Tiermaler wie Carl Friedrich Deiker, Moritz Müller oder Christian Kröner spezialisierten sich auf das Genre. Doch dann begann der Abstieg. Bald hing er als „röhrender Hirsch“ in naiver Malerei in Öl auf Leinwand oder im billigen Kunstdruck an den Wänden von Gelsenkirchener Barockwohnzimmern. Irgendwann galt er als peinlich und war ästhetisch erledigt. Das Röhren des Hirsches – eigentlich ein arttypisches Verhalten – wurde zum Inbegriff des Kitschs. Der Kulturtheoretiker Bazon Brock versuchte 1974 noch, die Bilder vom Hirsch mit einer Ausstellung als „abgesunkenes Kulturgut“ zu retten. Vergeblich. Irgendwann wurde das arme Tier sogar von Loriot verhohnepipelt. Die zahllosen Schinken landeten auf dem Flohmarkt, wo sich mancher Student erbarmte, um das herrisch sich aufbäumende Tier in der WG ironisch weiter röhren zu lassen.
