Was bei der Berlinale auf dem Spiel stand – und jetzt auf dem Spiel steht
Die Welt
Die bereits angezählte Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle bleibt im Amt. Allerdings will ihr Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ein „beratendes Forum“ zur Seite stellen. Was taugt die nun gefundene Lösung?
Die bereits angezählte Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle bleibt im Amt. Allerdings will ihr Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ein „beratendes Forum“ zur Seite stellen. Was taugt die nun gefundene Lösung? Der Berlinale-Debatte, die sich in den vergangenen Tagen irrsinnig hochgeschaukelt hatte, tut die Abregung ganz gut. Nach einer Krisensitzung im Kanzleramt sagte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer jetzt: „Es gibt die Entscheidung, dass Frau Tuttle weitermacht.“ Einigen Vorgaben muss die Festival-Chefin allerdings entsprechen, damit der nächste Antisemitismus-Skandal, nach dem man während des Filmfestivals im Februar allmählich seine Uhr stellen konnte, möglichst ausbleibt. Zu diesen Vorgaben, auch „Empfehlungen“ genannt, gehören ein „beratendes Forum“ sowie ein noch auszuarbeitender Verhaltenskodex, der – gesichtswahrende wie praktische Maßnahme – für alle Kulturveranstaltungen des Bundes (neben der Berlinale für die Berliner Festspiele mit dem Gropius Bau und das Haus der Kulturen der Welt) gelten soll. Das alles ist eine sehr gute Nachricht. Zum einen will man nämlich gar nicht wissen, wie viele offene Briefe zur Unterstützung von Tuttle noch hätten geschrieben werden können. Zum anderen lässt sich das hitzige Geschehen der letzten Tage auch sachter erzählen: Nach dem Frustrationsüberschuss eines syrisch-palästinensischen Regisseurs, dessen Film von einer unabhängigen Jury mit einem wenig bedeutenden Nachwuchspreis ausgezeichnet worden war und der statt einer braven Dankesrede auf der Abschlussgala wüste Beschimpfungen und vage Drohungen von sich gegeben hatte, herrschte allseits nachvollziehbarer Unmut. Kulturstaatsminister Weimer fand, so könne es nicht weitergehen. Damit stand er nicht alleine da. Tatsächlich war die Berlinale in der öffentlichen Wahrnehmung spätestens mit der aktuellen Ausgabe, die die Tradition der vergangenen Jahre fortsetzte, zur Palinale verkommen. Und die Direktorin Tricia Tuttle, die als Amerikanerin die deutsche Staatsräson zu Israel und seinen Feinden womöglich nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat, hatte langsam keine Lust mehr. Man nimmt ihr ab, dass sie einfach in schwieriger Lage ein schönes Festival veranstalten möchte, in dem die Leute sagen dürfen, was sie wollen. Und da ist ja im Prinzip auch nichts Ehrenrühriges dran, schließlich leben wir in einer liberalen Demokratie. Das ist Tuttle übrigens zu weiten Teilen gelungen. Der Wettbewerb dieses Jahr war im Großen und Ganzen super, die Atmosphäre freundlich und aufgeschlossen. Andererseits geht es in Deutschland nicht an, dass sich jemand mit oder ohne Kufiya unwidersprochen auf eine öffentlich bezuschusste Bühne stellt und von einem Genozid der Israelis an den Menschen in Gaza fantasiert. Oder, infolge dieser verqueren Denke, der Berlinale unterstellt, sie sei, ironischerweise genau wegen jener öffentlichen Gelder, die der empörte Regisseur übrigens gern annimmt – 50.000 Euro in seinem Fall –, über den Umweg der Israel unterstützenden Bundesregierung ein Völkermordspartner. Ja, es ist richtig, dass in Den Haag aktuell über die Feinheiten des Begriffs Genozid verhandelt wird, man darf das aber einstweilen als juristisch-moralische Spitzfindigkeit abtun.
