
Auswandern in die EU - der stille Protest der Albaner
DW
Morgen treffen sich die Regierungschefs der EU und des Westbalkans in Albanien. Tirana wertet das als Beleg für seine erfolgreiche Außenpolitik. Doch die massive Abwanderung wirft einen Schatten auf das Land.
Albaniens Ministerpräsident Edi Rama ist stolz, dass sein Land am Dienstag (6.12.2022) Gastgeber des EU-Westbalkan-Gipfels ist: "Albanien wird das wichtigste Ereignis in der Geschichte seiner internationalen Beziehungen erleben. Dies ist eine unbestrittene Leistung", lobte Rama sich selbst bei einem virtuellen Chat mit Journalisten und Bürgern. Dies sei Ergebnis der erfolgreichen Außen- und Innenpolitik seiner Regierung.
In der Tat genießt Albanien außenpolitisch Ansehen in der EU. Das würdigte auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der das Land am 1. und 2. Dezember 2022 besucht hat. Bei einer Rede im albanischen Parlament nannte Steinmeier das kleine Balkanland einen "standhaften, verlässlichen Partner". Als Mitglied von NATO und OSZE sowie als derzeitiges nichtständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrates habe sich das Land "international längst als reife Demokratie bewährt", so der Bundespräsident anerkennend.
Im Sommer 2022 hatte die EU Albanien und Nordmazedonien grünes Licht für die offizielle Eröffnung von Beitrittsgesprächen gegeben. Doch den Menschen in Albanien ist bewusst, dass der EU-Beitritt noch in weiter Ferne liegt. "Die Albaner glauben nicht, dass die von der EU geforderten Reformen so schnell vorankommen werden und suchen daher Wege, wie sie individuell in die EU kommen", sagt die albanische Politikbeobachterin Edlira Gjoni im DW-Interview mit Blick auf die angemahnte Bekämpfung von Korruption und organisierter Kriminalität in ihrem Land. Für viele junge Albaner bedeutet diese Perspektive: Auswandern in die EU.
Auch Lediana Daci hat sich für die Emigration entschieden. Für den 3. Januar 2023 hat die gelernte Laborantin ein One-Way-Ticket nach Deutschland gebucht, um eine Stelle bei einem staatlichen Krankenhaus in Freiburg anzutreten. "Ich bin glücklich, aber auch etwas in Sorge über das, was auf mich zukommt", sagt sie.
Sowohl sie als auch ihr Partner Bledi Voco, der als Cutter in einem privaten TV-Sender in Tirana arbeitet, haben Gehälter, die über dem albanischen Durchschnitt von derzeit 510 Euro im Monat liegen. Dennoch reicht das Geld gerade, um sich über Wasser zu halten. Für eine Familie mit Kindern würde es schwierig werden. Deshalb hat sich das Paar entschieden, auszuwandern. Seit zwei Jahren Deutsch lernen die beiden Deutsch. Bledi hat außerdem noch den LKW-Führerschein gemacht, falls er in seinem erlernten Beruf in Deutschland nicht sofort einen Job findet.
