Ausgezeichnet, erschöpft, entzaubert - der Michelin-Stern als Last
ProSieben
Ein Michelin-Stern ist das höchste Ziel vieler Köche – und trotzdem für manche der Anfang vom Ende. Warum immer mehr Spitzenköche den Stern freiwillig zurückgeben.
"Denkst du bei jedem Song, den du schreibst: 'Der muss unbedingt einen Grammy gewinnen!'?", fragt Koch und Unternehmer Tim Mälzer einen befreundeten Musiker in seinem Podcast "Fiete Gastro". Zuvor hatte der Freund nicht nachvollziehen können, warum Mälzer mit seiner Arbeit nie nach einem Michelin-Stern oder einer Kochmütze (Haube), die vom Restaurantführer Gault-Millau vergeben wird, gestrebt hat. Es ist eine Frage, die tiefer geht, als sie zunächst klingt. Der Michelin-Stern ist für viele das ultimative Siegel für kulinarische Exzellenz. Doch was als Triumph beginnt, kann oftmals in dramatischer Erschöpfung enden. Wer einen Stern bekommt, steht ab dem Moment der Auszeichnung unter Beobachtung. Von Gästen, Tester:innen, Medien. "Ein Stern verändert alles", sagte der französische Spitzenkoch Sébastien Bras gegenüber dem britischen "Guardian", nachdem er 2017 auf seine drei Sterne verzichtet hatte. "Jede Mahlzeit könnte bewertet werden", erklärte er. Für ihn sei das "der Verlust der Freiheit" gewesen, nicht mehr für die Gäste zu kochen, sondern für die "Unsichtbaren mit dem roten Buch in der Tasche". Damit ist der "Guide Michelin" gemeint. Ähnlich sah es der britische Koch Marco Pierre White, einst der jüngste Drei-Sterne-Koch der Welt. 1999 gab er seine Sterne zurück – freiwillig. Seine Begründung im Interview mit dem britischen "Telegraph": "Die Leute, die mir die Sterne gegeben haben, hatten weniger Ahnung als ich. Deshalb fiel es mir leicht, mich zurückzuziehen."
