
Wladimir Putins Atomdrohung: Wie ernst ist die Lage wirklich?
DW
Präsident Putin hat die russischen Atomstreitkräfte in erhöhte Einsatzbereitschaft versetzt. Einen Atomkrieg halten Beobachter für höchst unwahrscheinlich, aber auf die leichte Schulter nehmen sie den Schritt auch nicht.
Inmitten der Nachrichten über die Kämpfe in der Ukraine, die Flüchtlinge an den westlichen Grenzen des Landes und die russischen Angriffe auf Kiew gab der russische Präsident Wladimir Putin am Sonntag eine Erklärung ab, die weltweit für Schrecken sorgte: "Ich weise den Verteidigungsminister und den Generalstabschef an, die Abschreckungskräfte der russischen Armee in besondere Kampfbereitschaft zu versetzen", sagte Putin in einem im TV übertragenen Gespräch mit hochrangingen Militärvertretern.
Die "Abschreckungskräfte", auf die sich der Präsident bezog, schließen auch die Atomstreitkräfte ein - das lässt Sorgen über eine mögliche Eskalation des Krieges gegen die Ukraine aufkommen. Ein hochrangiger Beamter des US-Verteidigungsministeriums sagte in einem Briefing am Sonntag, Putins Hinweis auf Russlands nukleare Fähigkeiten sei "nicht nur ein unnötiger, sondern ein eskalierender Schritt". NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg bezeichnete die Aussage des russischen Präsidenten als "unverantwortlich" und sagte dem US-Sender CNN, dies sei "gefährliche Rhetorik".
Zu welchen Änderungen in Russlands Kriegsstrategie dies konkret führen könnte, stellt auch Experten vor Rätsel: "Es ist immer noch unklar, was die erhöhte Alarmbereitschaft bedeutet", schrieb Hans Kristensen, Direktor des nuklearen Informationsprojekts bei der Federation of American Scientists, in einer E-Mail an die DW. "Es gibt Spekulationen, dass es sich um eine Erhöhung der Bereitschaft des nuklearen Kommando- und Kontrollsystems handeln könnte, um besser auf die Übermittlung eines Abschussbefehls vorbereitet zu sein. Es gab auch einige Berichte über eine erhöhte Aktivität der Raketen-U-Boote, aber es ist unklar, ob dies über das normale Maß hinausgeht."
Verschiedenen Quellen zufolge verfügte Russland im Jahr 2021 über 6257 Atomsprengköpfe. Damit ist es das Land mit dem größten Atomwaffenarsenal der Welt, gefolgt von den Vereinigten Staaten, die 2021 über 5500 Atomsprengköpfe verfügten.
1760 der russischen Sprengköpfe sind "ausrangiert" und warten auf ihre Demontage, so die Arms Control Association, eine unabhängige Organisation mit Sitz in den USA. Damit verfüge Moskau noch über 4497 aktive Atomsprengköpfe. Nicht alle davon sind direkt einsatzbereit, das heißt in einer Position, in der sie innerhalb von Minuten abgefeuert werden könnten, falls die Regierung einen Atomschlag anordnet.
