
Tausend Stiche: Sanktionen lassen Russland bluten
DW
Westliche Sanktionen, eingeführt als Reaktion auf Russlands Krieg gegen die Ukraine, treffen das Land härter denn je. Ob Eliten oder einfache Bürger - alle sind betroffen. Manche Branchen stehen am Abgrund.
Eine Woche nach dem russischen Überfall auf die Ukraine hat sich das Leben in Russland radikal verändert. Beispiellose westliche Sanktionenhaben kaum eine Branche ausgelassen: Finanzen, Verkehr, Reisen, Kultur, Sport. Täglich kommen neue Maßnahmen, man verliert leicht den Überblick. Es wirkt wie die sogenannte Strategie der tausend Nadelstiche, die die russische Wirtschaft bereits jetzt stark bluten lässt. Nur sind es keine Stiche, sondern Schockwellen.
Der Rubel hat in wenigen Tagen rund ein Drittel seines Wertes verloren, es gibt Berichte über Schlangen vor Bankautomaten und Probleme mit Kartenzahlungen oder Bezahlsystemen wie Google Pay oder Apple Pay. Haushaltsgeräte, aber auch westliche Kleidung und Schuhe drohen wie zu Sowjetzeiten Mangelware zu werden. Manche Experten rechnen bereits für dieses Jahr mit einem Wirtschaftseinbruch im zweistelligen Bereich, sollte sich der bisherige Trend fortsetzen.
Noch ist es nicht soweit. Der Kreml gibt Probleme zu und verbreitet Optimismus: "Natürlich spürt die Wirtschaft Russlands starken Druck, starken Schlag, doch es gibt Widerstandspotenzial, es gibt Pläne, es wird energisch gegengesteuert. Sie fällt nicht um", sagte am Mittwoch in Moskau Dmitri Peskow, der Sprecher des Präsidenten Wladimir Putin. Die Grundhaltung der Staatsführung: Die Lage auf den Märkten werde sich bald entspannen.
Spätestens seit der Krim-Annexion 2014 hat sich Russland an wirtschaftliche Sanktionen des Westens angepasst. Schon damals wurde ein beschönigender Begriff dafür gefunden. Anstatt von "Sanktionen" sprechen russische Medien lieber von einer "neuen wirtschaftlichen Realität". Doch jetzt ist der Schlag deutlich massiver. Neu ist jetzt ein de facto Krisenzentrum mit dem Ministerpräsidenten Michail Mischustin an der Spitze, das sich bemüht, die Turbulenzen unter Kontrolle zu halten.
Überflugverbote für russische Flugzeuge treffen die russische Luftfahrt sehr hart. Auch Reiseunternehmen berichten von einem Rückgang der Buchungen um bis zu 70 Prozent. Die Russen, die es doch zum Traumstrand schaffen, müssen viel Geld in bar dabei haben. Ein Beispiel. Hintergrund ist der Ausschluss einiger russischer Banken vom Zahlungssystem SWIFT. So bedienen drei Krankenhäuser in Thailand russische Touristen nur noch gegen Cash. Und was den Heimflug angeht, dürfte dies auch nicht mehr so ohne weiteres möglich sein.
