
Meinung: Deutschland verändert sich - Die Volkskirchen werden zur Minderheit
DW
Die christliche Majorität war über Jahrhunderte selbstverständlich. Doch die Kirchenmitglieder werden immer weniger und darauf haben weder Katholiken noch Protestanten bisher Antworten gefunden, meint Christoph Strack.
Es ist eine symbolische Wegmarke: Irgendwann in diesen Wochen und Monaten wird nur noch weniger als die Hälfte der Deutschen einer der beiden großen christlichen Kirchen angehören. Die sogenannten Volkskirchen, die man lange als "die großen Kirchen" bezeichnete, bilden dann mit ihren rund 41 Millionen Gläubigen nicht mehr die Mehrheit unter den 83 Millionen Menschen, die in Deutschland leben.
1990 waren das noch 58 Millionen, rund zwei Drittel der Bevölkerung. Diese Betonung soll nicht davon ablenken, dass es heute neben Katholiken und Protestanten auch 4,5 Millionen Muslime, 1,5 Millionen orthodoxe Christen und weit über 100.000 Juden gibt. Und die größten religiösen Neubauten, die derzeit in der relativen Nähe des politischen Berlins heranwachsen, sind ein repräsentativer buddhistischer Tempel und das "House of One" als gemeinsames Dach von Christen, Juden und Muslimen.
Der Trend des Mitgliederschwunds trifft Protestanten und Katholiken gleichermaßen, ja die Kirchen der Reformation sogar noch etwas stärker. Und er hat bei beiden Konfessionen viele Gründe. Mal war es der Solidaritätszuschlag. Mal ist die Kirche politisch zu links oder zu rechts. Mal sind es kirchliche Positionen im Bereich der Sexualmoral oder grundlegende Skandale wie der des sexuellen Missbrauchs. Manche regionale Austrittswelle kann man - Stichwort Köln - an konkreten Namen festmachen.
Aber längst nicht immer, vielleicht sogar eher selten ist der Kirchenaustritt tatsächlich eine Distanzierung, auch wenn man immer wieder hört, dass selbst engagierte Kräfte gehen oder Ehrenamtler wegbrechen. Eher wirkt es so, als ob man einander verloren hat. Das Gefühl von Religion und Glaube oder auch das Gefühl für Religion und Glaube verdunstet. Und das nicht etwa, weil nun alle wie doll Philosophie studieren. Die Welt meint, jede Frage mit Google oder auf jeden Fall mit Ethikräten beantworten zu können.
Und doch ist der Trend dramatisch in Zeiten, in denen große Fragen aufkommen. Sinn-Fragen. Vor gut 20 Jahren waren es die Entschlüsselung des menschlichen Genoms und die Fortschritte in der Stammzellforschung. Heute sind es die Künstliche Intelligenz, die dramatische Herausforderung des Klimawandels, die Grundfragen der globalen und nationalen Verteilungsgerechtigkeit in Zeiten der knapper werdenden Ressourcen. Leider hat Sozialethik, diese so wichtige Wächterfunktion, nicht die größte Bedeutung in den Kirchen.
