
Die Toten in unserer Timeline oder: Wie soll man das alles aushalten?
n-tv
Ich jammere auf hohem Niveau, ich weiß, denn ich habe Heizung, Strom, Essen, muss nicht vor Bomben in den Keller flüchten und nicht Angst haben, wenn es klopft. Trotzdem ist mir so schwer ums Herz, dass ich manchmal das Gefühl habe, da nicht rauszukommen.
Ich jammere auf hohem Niveau, ich weiß, denn ich habe Heizung, Strom, Essen, muss nicht vor Bomben in den Keller flüchten und nicht Angst haben, wenn es klopft. Trotzdem ist mir so schwer ums Herz, dass ich manchmal das Gefühl habe, da nicht rauszukommen.
Weder werden mich ICE-Männer an den Haaren aus der Wohnung zerren, um mir mitzuteilen, dass ich nicht erwünscht bin, noch werden mich Mullah-Schergen aus dem Haus prügeln, weil mein Dekolleté zu tief ausgeschnitten ist oder meine Meinung nicht genehm. Oder einfach, weil ich eine Frau bin. In den letzten Tagen habe ich viel mit Menschen darüber gesprochen, wie es ihnen so geht. Denn es vergeht kein Tag, kein Aufwachen, kein Einschlafen, ohne nicht daran zu denken, wie schlimm die Welt momentan ist.
Meine iranischen Freunde, meine ukrainischen Nachbarn, sie haben allerdings viel existenziellere Sorgen, weiß ich. Und kann ich meiner Freundin in den USA eine fiese Karikatur von Trump schicken oder bringe ich sie damit unter Umständen in die Bredouille? Ich lasse es lieber. Und doch habe ich heute in der Sonne gesessen, den Hund ausgeführt, mit Freundinnen telefoniert, bin meiner Arbeit nachgegangen, freue mich auf das Wochenende und mache mir keine Sorgen um meine Kinder. Das stimmt nicht ganz, denn die macht man sich als Mutter irgendwie immer. Und ja, ich kann nicht umhin sehr oft zu denken, wie lieblich ich doch fast aufgewachsen bin, die paar RAF-Sorgen, die ich mir als Teenager gemacht habe, weil mein Vater Banker war oder der Smog-Alarm in Berlin, der wurde weggeatmet im wahrsten Sinne des Wortes.
Doch was für einen Trümmerhaufen hinterlassen wir unserer Jugend? Von Klimakrise über Kanzler, Korruption und Cancel-Culture bis zu Krieg ist doch gerade alles Mist. Und da habe ich Corona noch nicht mal erwähnt, denn diese miese Zeit hat vielen Leuten das Genick gebrochen, geschäftlich, moralisch, gesundheitlich. (Auch ist natürlich vieles Mist, was nicht mit K oder C anfängt, bloß weil ich so ein Alliterations-Afficionado bin ...)
Ich versuche mich zu erinnern, ob ich als Teenager immer leichtfüßig unterwegs war. Sicher nicht. Man hatte so seine Sorgen, kein Handy und die Eltern fanden, dass man sich besondere Dinge selbst verdienen musste, während Eltern ihre Kids heute von vorne bis hinten durchpampern, durchhelikoptern, durchstillen, durchlavieren, ich will mich gar nicht bei allem ausnehmen. Auch gab es Momente des Liebeskummers, der Trauer, des Schulstresses, der falschen Klamotten, der falschen Freunde, des falschen Musikgeschmacks. Ist mein Blick zurück vielleicht zu rosarot? Viele junge Leute heute erscheinen mir sehr stark, sehr bewusst, sie werden es aufnehmen mit den Widrigkeiten des Lebens, denen es geht ja um ihre Zukunft. Und die macht man sich so schön, es geht, auch wenn realistisch betrachtet wirklich vieles im Argen liegt. Junge Leute zeigen mir ganz oft, unbewusst, was es Gutes gibt. Danke!













